AIDA und TUI im Vergleich

Ihr habt meine Erlebnisse mit AIDA und diejenigen mit TUI gelesen. Die Frage, wer besser ist, dürfte rasch beantwortet sein. Ich wollte es aber ein bisschen genauer wissen und habe deshalb beide Reedereien anhand von 14 Kriterien aus meiner Sicht als Besatzungsmitglied bewertet:

  1. Verpflegung: Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Bei TUI schmeckte nach kurzer Zeit alles irgendwie gleich, und um Getränke außerhalb der Crew-Messe musste man sich selbst kümmern. Bei AIDA war nicht nur das Essen genauso lecker wie dasjenige für die Gäste, sondern wir wurden auch mit Getränken versorgt.
  2. Essenkostenrückerstattung: Gab es bei TUI nicht. Wenn wir unterwegs aßen, mussten wir alles selbst bezahlen. Bei AIDA bekamen wir in Câmara de Lobos kostenlos leckere Sandwiches, und in Costa Teguise waren wir zu den riesigen Cesar-Burgern eingeladen. Bei Touren über fünf beziehungsweise sechs Stunden gab es eine Pauschale von 5 €.
  3. Privatsphäre: Bei TUI hatte man in den Single-Share-Kabinen einen Rückzugsraum, in dem man ungestört war. In den Doppelkabinen bei AIDA nur im Badezimmer.
  4. Kabinen: Dafür waren die Kabinen bei AIDA doppelt so groß, so dass kaum das Gefühl von Platzangst aufkam. Man musste auch das Bett nicht jeden Abend herunter- und am Morgen wieder hinaufklappen, so dass es lüften konnte. Die AIDA-Matratzen waren zwar wie diejenigen bei TUI nur 80 cm schmal, aber doppelt so dick und dadurch wesentlich besser.
  5. Saubermachen: Wurde bei AIDA vom Housekeeping erledigt. Bei TUI musste man sich selbst darum kümmern.
  6. Fahrräder: Bei AIDA mit Riemen, gefederten Sattelstützen, hochwertigen Lenkergriffen und ergonomischen Sätteln. Ach ja, und „Bike Clean“ gab es auch. Bei TUI nichts von alledem.
  7. Räderschieben: Hinausschieben war bei TUI besser, zurückschieben bei AIDA. Bei TUI gab es Helme, Rucksäcke & Co. erst am Morgen vor der Tour. Ironischerweise hatten dort Gäste immer wieder gefragt, ob die Ausgabe nicht am Vorabend möglich sei. War sie natürlich nicht😉 Dort mussten Rucksäcke und Helme immer in Gitterwagen zum Buchungsschalter gekarrt und nach der Ausgabe wieder in den Fahrradraum zurückgebracht werden.
  8. Arbeitszeiten: Bei TUI offiziell zehn Stunden am Tag (meistens weniger), bei AIDA acht (meistens mehr).
  9. Gehalt: Brutto mehr bei AIDA (1.700 €), netto mehr bei TUI (1.650 €). Aber nur, wenn man keinen steuerlichen Wohnsitz in Deutschland mehr hat. Sonst ist man verpflichtet, eine Einkommensteuererklärung abzugeben. Tut man das nicht, kann es eine böse Überraschung geben. Aber mal ehrlich: Auf einem Schiff arbeitet man nicht fürs Geld, sondern für das Erlebnis.
  10. Erkundungsfahrten: Bei TUI musste ich viele Touren, die ich nicht kannte, gleich beim ersten Mal mit Gästen fahren. Das war ausgesprochen stressig und unangenehm. Bei AIDA konnte ich die meisten Touren erst einmal als Schlussmann mitmachen oder erkunden und kennenlernen. Beim zweiten Mal, dann mit Gästen, war es wesentlich entspannter.
  11. Sicherheit: AIDA verlangte ein einwöchiges Sicherheitstraining und die italienische Aufstiegsuntersuchung und durchsuchte vor jedem Ablegen das gesamte Schiff systematisch. Zwar gab es mit den AIDA-Scuddies immer wieder Unfälle, aber die lagen (genau wie die meisten Radunfälle) an der Dummheit der Gäste. Die Anforderungen bei TUI waren weit weniger hoch, und dort wurden Gäste wider besseres Wissen auf lebensgefährliche Vehikel gestellt, nur damit TUI noch mehr abkassieren konnte (siehe „Der Scooter-Skandal“). AIDA hat verkehrsunsichere Fahrzeuge ausgemustert und ersetzt.
  12. Gesundheit/Umweltschutz: Die AIDAnova wird bekanntlich mit dem sauberen Flüssigerdgas betrieben. AIDAprima und AIDAperla haben zumindest Partikelfilter. Bei TUI nichts von alledem. Da lagen immer mal wieder hochtoxische Rußknollen auf den Sonnenliegen. Die Gäste sind ja nach einer, spätestens zwei Wochen wieder zu Hause. Aber der Gedanke, sechs Monate von einer Giftgaswolke umhüllt zu sein, hatte etwas Beunruhigendes. Zwar hat auch TUI zwei LNG-Schiffe geordert, aber die sollen erst 2024 und 2026 geliefert werden. Also sechs Jahre Rückstand auf AIDA.
  13. Internet: Bei TUI durften wir vom Büro-PC aus inoffiziell online gehen. Immerhin. Bei AIDA waren die PCs im Aufenthaltsraum online, und zusätzlich bekamen wir immer wieder Internet-Vouchers für unsere mobilen Endgeräte.
  14. Ausflüge: Bei TUI durfte ich „nur“ Radtouren machen. Bei AIDA durfte ich immer mal wieder auch auf Bustouren mitfahren. Das hat sich manchmal wie Urlaub angefühlt.

Eindeutig für TUI spricht eigentlich nur die Privatsphäre auf den Kabinen. Beim Räderschieben und bei der Arbeitszeit herrscht per Saldo Gleichstand. Beim Gehalt hat je nach der steuerlichen Situation die eine oder die andere Reederei die Nase vorn. Also einen Punkt für TUI, dreimal unentschieden, und zehn Punkte für AIDA😮 Ein so deutliches Ergebnis hatte selbst ich nicht erwartet. Aber AIDA ist nun mal das Original und TUI die Kopie.

Hätte ich allerdings TUI mit MSC verglichen, wäre vermutlich TUI der strahlende Sieger gewesen😉

AIDAnova ahoi!

Sechs Monate auf dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt

So groß, sie passt kaum aufs Bild😉 Die AIDAnova vor Fuerteventura.


Schifffahrt für Landratten

Nachdem es bei TUI nur für kurze Zeit und bei MSC überhaupt nicht geklappt hatte, wollte ich es noch einmal wissen. Und zwar als Biking Guide bei AIDA. Die nehmen natürlich nicht jeden. Deshalb durfte ich zu einem zweitägigen Assessment im oberbayrischen Schliersee reisen. Dort bekam man erst einmal jede Menge Informationen: Vertragsdauer, Arbeitszeiten, Gehalt, AIDA-Werte, Leben an Bord… Als nächstes musste man sich selbst vorstellen. Dann stand ein praktischer Test auf dem Programm: Fahrräder reparieren. Ich musste einen Schaltzug wechseln. Bei meinen künftigen Kollegen war es eine Kette oder ein Schlauch. Fast alle haben den Test bestanden. Eine junge Frau scheiterte an der Frage nach dem Luftdruck. Sie hätte als Kinder- und Jugendbetreuerin aufsteigen können, weil sie in diesem Bereich Vorkenntnisse hatte, aber das wollte sie nicht. Nur Sozialkompetenz war kein Kriterium, wie ich später feststellen sollte (siehe unten). Die Freude wurde auch nicht dadurch getrübt, dass meine Gesprächspartner, darunter Shore Operations Manager André, mich als Hiking und nicht als Biking Guide einstellen wollten. Wandern ist mein zweites Hobby.


Die schwimmende Stadt

Nun stand die brandneue AIDAnova kurz vor der Indienststellung. Mich haben die großen Pötte schon immer fasziniert. Das neue Flaggschiff ist 337 m lang, 42 m breit, 63 m hoch und 8,6 m tief. Es hat eine Bruttoregisterzahl (BRZ) von 183.900, 20 Decks, maximal 6.654 Gäste und über 1.500 Besatzungsmitglieder. Gemessen an der Passagierzahl ist es das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Klar, dass für mich nur die Nova in Frage kam😉 Auch die AIDA-Zentrale war damit einverstanden😊

Die Größe soll aber nicht über die inneren Werte hinwegtäuschen. Die AIDAnova ist nämlich auch nach Einschätzung des Naturschutzbundes NABU das umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff der Welt. Und zwar weil es nicht mit Schweröl oder Schiffsdiesel, sondern mit flüssigem Erdgas (Liquified Natural Gas, LNG) angetrieben wird. Das ist zwar ebenfalls fossilen Ursprungs, verbrennt aber sauber und erzeugt weniger CO2. Unser Kapitän Boris Becker musste erst den LNG-Führerschein machen, bevor er unser Schiff steuern durfte. Weil es den für Kreuzfahrtschiffe bisher nicht gab, musste er auf einem LNG-Tanker lernen😂


Spaß mit Sicherheit

Bei TUI hatte ich nach meinem Aufstieg an Bord mehrere Sicherheitseinweisungen gemacht. Die wurden aber von AIDA nicht anerkannt. Ich musste wie jeder Andere auch ein einwöchiges Sicherheitstraining entweder in Hamburg oder in Rostock machen, für das ich den verbleibenden Teil meines Thomas-Cook-Urlaubs opferte und extra von Kreta nach Berlin-Tegel flog. Ich entschied mich für Rostock, weil ich dort über AirBnB eine günstige Unterkunft in der Nähe des Aus- und Fortbildungszentrums (AFZ) fand.

Die Teletubbies im Hafenbecken😂

Der Kurs beinhaltete u.a. widerspenstige Gäste zu den Rettungsbooten führen, Feuer löschen, durch die „Bauschuttröhre“ rutschen, erste Hilfe leisten und im Neoprenanzug im Hafenbecken plantschen. Das hat am meisten Spaß gemacht. Es war alles sehr locker, sogar die Prüfung. Wir waren 34 Teilnehmer, also eigentlich zu viele für einen Kurs. Alle gut drauf, witzig und gut gelaunt. Am letzten Tag brachte ich meinen unterschriebenen Arbeitsvertrag höchstselbst zur AIDA-Zentrale.


Das gläserne Gefängnis

Meine AIDAphorie wurde erst einmal durch „Sie werden voraussichtlich überwiegend im Klettergarten eingesetzt.“ aus Rostock gedämpft. Eigentlich wollte ich anheuern, um in jedem Hafen an Land zu gehen, fremde Länder zu sehen und mir den Duft der großen weiten Welt um die Nase wehen zu lassen, und nicht um die Häfen aus dem Glasaufbau von Deck 18 aus zu betrachten😯

Die Blauhelme im Kletterwald😉

Wohl oder übel musste ich einen Kletterkurs machen. Der fand in einem Kletterwald in der Nähe von Leipzig statt und hatte zwei Teile: drei Tage Betreuer und drei Tage Retter. Als Betreuer darf man den Gästen an Bord die Klettergurte anlegen und die Sicherheitseinweisung machen. Als Retter darf man sie außerdem abseilen, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Es gab für beide Teile je eine schriftliche und eine praktische Prüfung. Den Betreuer haben alle zwölf Teilnehmer bestanden. Vier Kollegen sind danach gleich wieder abgereist. Beim Retter bin ich als einziger von den übrigen acht durch die praktische Prüfung gefallen😯 Mit ungeahnten Folgen, wie sich später zeigen sollte😉


Der Rohbau

Sechs Tage vor dem geplanten Aufstieg erfuhr ich, dass es mit dem neuen Schiff Probleme gäbe: Es sei noch nicht fertig, und an Bord sei ein Feuer ausgebrochen, so dass sich die Testfahrten verzögerten und alle Vorjungfernfahrten abgesagt wurden. Die Gäste bekamen ihr Geld zurück und 50% Rabatt auf ihre nächste Kreuzfahrt, und die Meyer-Werft in Papenburg musste eine Vertragsstrafe an AIDA bezahlen. Die Rede war von einer halben Million Euro.

16 Stunden nach der Rückkehr aus dem Kletterwald ging es schließlich los. Weil das Schiff sich noch auf einer Testfahrt in der Nordsee befand, wurden wir für drei Nächte im ausgesprochen noblen Van-der-Valk-Hotel in Groningen in den Niederlanden untergebracht. Dort erhielten wir weitere Sicherheitseinweisungen, bevor es endlich aufs Schiff ging. Die AIDAnova lag in Eemshaven an der Emsmündung und war noch immer eine große Baustelle. Überall Handwerker, Werftarbeiter, Kontraktoren und Kollegen, Baumaterial, Werkzeuge, Abdeckungen, Schmutz und Lärm. Auch wir durften gleich Overalls und Sicherheitsschuhe anziehen und beim Beladen helfen. Palette um Palette wurde mit riesigen Kränen an Bord gebracht und Schachtel um Schachtel in einer Menschenkette vom einen zum nächsten weitergereicht: Souvenirs, Bekleidung, Körperpflegesachen, Handtücher, Mülleimer, Aschenbecher, Sektkühler, Ersatzmatratzen, Spielsachen, Bademäntel usw.

In drei Wochen sollen die ersten Gäste kommen…

Weil so viele Sachen eingeladen werden mussten, wurden sogar Nachtschichten eingeführt. Meine Kollegen, die nachts antreten mussten, freuten sich besonders über die Tests der Lautsprecheranlage und der Alarmsignale am nächsten Morgen😉 Ich wurde von 1.00 bis 7.00 Uhr eingeteilt😵 Deswegen hatte ich mich am Nachmittag eine Stunde aufs Ohr gelegt. Kaum war ich wieder auf, erfuhr ich, dass vergeblich gedöst hatte: Es war bereits alles eingeladen. AIDAnova fully loaded, sozusagen😉

Während der Liegezeit bekamen wir auch Destinationsschulungen über unsere nächsten Häfen. Die fanden im Aufenthaltsraum auf Deck 2 statt und waren teilweise so krass, dass es schon wieder lustig war: Von oben hat es gehämmert, von unten gedröhnt, aus den vorderen Lautsprechern kam andere Musik als aus den hinteren, vor allem der unerträgliche „Clap Song“, der uns den letzten Nerv geraubt hat, und zwischendrin immer wieder Durchsagen von der Brücke😩

Außerdem durften wir die Nummernschilder aller Kabinen und die Wegweiser dorthin überprüfen und die Kleber in den Badezimmern und an den Balkontüren austauschen. Immerhin gab es abends kostenlose Pendelbusse ins nahegelegene Groningen. Natürlich hatte niemand daran gedacht, dass vor dem Blackout-Test jeder, der nur irgendwie konnte, in die Stadt wollte, so dass nicht mehr Busse bestellt worden waren als sonst auch. Es kam zu tumultartigen Szenen an der Haltestelle. Ich stand anderthalb Stunden in der Kälte, bevor ich endlich mitkonnte. Danach wurde ein Ticket-System eingeführt.

Eines Nachts, ich lag in meiner Koje, begann es um 23.00 Uhr zu rumpeln. Aber kräftig und minutenlang. Es war ein Ankertest. Keine Ahnung, warum dieser nachts stattfand. Unsere Kabinen liegen vorn auf Deck 6 und damit fast Wand an Wand mit der Ankerkettenrolle. Stahl leitet Körperschall sehr gut. Das vibrierte, dröhnte und ratterte, dass man selbst mit Ohropax dachte, das Schiff fiele auseinander. Der Test ging dreimal schief und musste deshalb auch ein viertes Mal wiederholt werden😯 Glücklicherweise brauchten wir auf den Kanaren, auf Madeira und im Mittelmeer den Anker nicht, weil wir stets im Hafen lagen.

Manövrierunfähig? Ganz im Gegenteil: die Strecke unserer Testfahrt

Erstaunlicherweise spürte man auch bei ziemlich ruhiger See, dass der Kahn sich bewegt. Zickzackfahren, Höchstgeschwindigkeit testen und nächtliche Lärm- und Vibrationsmessungen waren für uns harmlos. Der LNG-Blowup-Test verlief negativ. Zumindest ist das Gas nicht explodiert😉 Dann wurden die Alarmsirenen zwei Stunden lang getestet. Alle paar Minuten tutete es.

Durchsagen von der Brücke erfolgen normalerweise zweisprachig deutsch und englisch. Dass man den Müll nicht in den Treppenhäusern und Quergängen verstecken dürfe, sondern zur Sammelstelle auf Deck 3 bringen müsse, wurde zusätzlich auch auf Russisch durchgegeben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt😉

Die Baustellenphase endete offiziell am 12. Dezember, als wir in Bremerhaven anlegten. Dort fand die formelle Übergabe des Schiffes von der Werft an die Reederei statt, verbunden mit dem Wechsel der bisherigen deutschen auf die italienische Flagge.

Ein feierlicher Moment😊


Das leidige Geld

Als das Schiff fast fertig war, hatte sich hoher Besuch angesagt. Ganz hoher. Der höchste. Der Herr nennt sich Micky Arison und ist seines Zeichens Präsident von Carnival. Das ist keine Narrenzunft, sondern ein Kreuzfahrtkonzern, zu dem auch AIDA gehört. Sein Privatvermögen soll nicht 8 Millionen, sondern Milliarden Dollar betragen😮

Ich weiß auch, wie er zu seinem Vermögen gekommen ist. Zumindest teilweise, denn sein Firmenimperium knapst und knausert an unseren Spesen:

  • Die Reise-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten für das Assessment in Schliersee musste ich selbst bezahlen.
  • Ebenso Hin- und Rückreise zum Sicherheitstraining in Rostock und Unterkunft, Frühstück und Abendessen. Nur das Mittagessen war inbegriffen. Die Kursgebühr von 455 € übernimmt AIDA, wenn man seinen Vertrag erfüllt.
  • Auch Mittag- und Abendessen während des Kletterkurses bei Leipzig hat AIDA nicht bezahlt, sondern lediglich Übernachtung, Frühstück und die Reisekosten, natürlich auch diejenigen nach Groningen. Es hat allerdings vier Monate und die tatkräftige Unterstützung unseres hilfsbereiten HR-Managers Matthias an Bord gebraucht, bis meine 409 € endlich da waren😊
  • Der Kletterkurs dauerte sechs Tage und fand vor Vertragsbeginn statt. Aus Rostock hieß es, mein Vertrag könne nicht mit dem Kurs beginnen, sondern nur mit dem Aufstieg auf ein Schiff. (Er begann allerdings mit meiner Reise nach Groningen, wo ich drei Tage im Hotel übernachtete, bevor es an Bord ging, siehe oben.) Die Reise von der Schweiz nach Leipzig und zurück dauert gut und gerne jeweils noch einen Tag. AIDA wollte mir zunächst nur sechs bezahlte Urlaubstage gutschreiben. Erst nach meiner nachdrücklichen Bitte wurden daraus acht.

In meinem Arbeitsvertrag stand ein Gehalt von 1.700 €. Hinzu kamen noch Urlaubsgeld und Trinkgelder. Zusätzlich erhielten wir Essenkostenpauschalen für die Tage, an denen wir auf langen Touren waren. Weil die Verträge von AIDA bzw. der Manning-Agentur Air Sea Holidays GmbH nach italienischem Recht sind, werden die dortigen Steuern und Sozialabgaben abgezogen. Das sind rund 16%. Unsere Soll-Arbeitszeit lag theoretisch bei 8 Stunden pro Tag. Darin nicht inbegriffen war das Zurückschieben der Räder und das Aufräumen des Fahrradraums nach den Touren.

An Bord habe ich einen Indonesier näher kennengelernt und von ihm interessante Dinge erfahren: Er verdient als Kellner 900 US-Dollar, also ungefähr 800 € im Monat, und zwar ohne Abzüge. Indern werden 5%, den Filipinos 10% abgezogen. Er sagte, zu Hause würde er nur ungefähr ein Viertel so viel verdienen. Zudem wird dort darauf geachtet, dass von jeder Familie nur einer eine Arbeit bekommt, damit alle Familien einen Ernährer haben. Natürlich schickt er, wie alle Asiaten an Bord, den Löwenanteil seines Gehalts nach Hause. Auf dem Schiff hat er ja kaum Ausgaben. Da er Moslem war, fragte ich ihn natürlich auch nach der Mehrehe. Er sagte, diese sei zwar erlaubt, aber nur, wenn die erste Frau einverstanden sei. Warum sie das sein sollte? Zum Beispiel wenn sie keine Kinder bekommen könne. Er empfahl mir, eine asiatische Frau zu suchen😉 Interessanterweise waren zwei meiner Kolleginnen mit Filipinos und eine weitere mit einem Inder zusammen. Wenn man bedenkt, dass normalerweise westliche Männer Frauen aus Asien nehmen, herrschte bei uns an Bord die volle Gleichberechtigung😉

Bei unseren wöchentlichen Sitzungen kamen immer auch unsere Zahlen zur Sprache. Wenn wir unser Budget zu 106% erfüllt hätten, wäre der Anteil über 100% verdoppelt worden. Wir hätten also 12% mehr Gehalt bekommen. Das sollte uns motivieren, hatte aber zwei große Haken: Erstens waren wir nur einmal bei knapp über 100%, und zweitens hebt die Zentrale in Rostock ganz einfach das Budget für den nächsten Monat an, falls man doch einmal darüberliegt…


Auf dem Wasser zu Hause

Wir waren in Doppelkabinen untergebracht. Diese waren zwar nur ungefähr 7,5 m2 groß, aber das war im Vergleich zu den Single-Share-Kabinen bei TUI riesig. Der großzügigere Raumeindruck blieb auch bestehen, wenn man sich zu zweit in der Kabine aufhielt. Die Betten waren zwar nur 80 cm schmal, aber die Matratzen 20 cm dick. Trotzdem schlief ich regelmäßig schlecht. Die Doppelkabinen hatten den weiteren Vorteil, dass man sich nicht so allein fühlte und entweder klopfen oder den Kabinenkollegen suchen konnte, wenn man seine Crew-Karte, die auch als Kabinenschlüssel diente, drin vergessen hatte. Außerdem erfuhr man vom Kollegen mitunter Dinge, die sonst an einem vorbeigegangen wären. Unsere Kabinen wurden vom Housekeeping saubergemacht😊 Als ich die netten Filipinos bat, die (nicht vorhandene) Minibar zu füllen, schauten sie etwas ratlos aus der Wäsche😉

Ich schlief natürlich oben😉

Nur die Betten mussten wir selbst abziehen und die Bezüge sowie die Handtücher alle zwei Wochen zur Wäscherei bringen, wo wir gegen Unterschrift neue bekamen. Unsere eigenen Kleider mussten wir selbst waschen. Unsere supermodernen Maschinen brauchten nicht einmal Waschmittel, sondern das wurde automatisch dosiert. Die Uniformen, die einen RFID-Chip beinhalteten, lieferte ein vollautomatisches Fließband, wenn man die Bordkarte an den Leser hielt. Soweit die Theorie (siehe unten).

Was wohl diesmal dabei herauskommt?😉

Mein erster Kabinenkollege Tobi hatte – die Welt ist klein – letztes Jahr auf der „Mein Schiff 5“ in dem Moment als Ausflugsexperte angeheuert, als ich abgestiegen war. Er hatte es dort immerhin vier Monate ausgehalten. Ihm gefielen weder die „Mein Schiff 5“ noch die Arbeitsatmosphäre. Letzteres konnte ich sogar verstehen😉 Auch auf der AIDAnova blieb er nicht lange, weil er an Weihnachten zu Hause sein und dann mit der AIDAbella nach Südostasien wollte.


Verköstlichung

Das Essen in der Crew-Messe war hervorragend😊 Weit besser jedenfalls als auf der „Mein Schiff 5“ und auch leckerer als bei meinem Kurzbesuch auf der AIDAprima im September😊 Zum Frühstück gab es jeden Morgen u.a. frische Brötchen. Das einzige Problem dabei: Selbst wenn man den ganzen Tag auf Tour war, durfte man keine belegten Brötchen mitnehmen. Zumindest nicht offiziell, was die Kreativität beim Schmuggeln am Küchenchef vorbei nur noch beflügelt hat😉 Unsere Gäste konnten leckere Imbisspakete für 6,90 € bestellen. Die Wandergäste bekamen sogar eines ohne Aufpreis. Nur wir Biker nicht. Auch nicht für Touren von sechs oder mehr Stunden. Wenn wir vergessen hatten, die Essenskostenrückerstattung zu beantragen, mussten wir uns auf eigene Kosten verpflegen😯

Bevor die ersten Gäste eintrafen, durften wir mehrere Restaurants testen, darunter das Markt-Restaurant, das „Bella Donna“, das „Casa Nova“, das „Ocean’s“ und den „Yacht Club“. Trotz begrenzter Kapazitäten war ich sogar zweimal in der „Time Machine“. Das war neben dem dreigängigen Abendessen eine virtuelle multimediale Zeitreise in einem U-Boot nach Atlantis. Nur die Jongleure passten nicht dazu. Beim zweiten Mal war meine ganze Abteilung in die „Time Machine“ eingeladen. Für Gäste kosteten die Vorstellungen einen Aufpreis.

So sieht also eine Zeitmaschine aus😉

Kein Essen ohne Trinken. Außerhalb der Crew-Messe bekamen wir kostenloses Flaschenwasser. Und nicht nur das: Immer mal wieder konnte man sich auch Dosen mit Pepsi, Mirinda oder 7-Up mitnehmen.


Bordleben

Auf einem Schiff arbeitet man nicht nur, sondern man lebt da. Deshalb gab es für die Besatzung einige Abwechslung. Je größer das Schiff, umso mehr: Im Aufenthaltsraum gab es einen Großbildfernseher, Tischfußball, PCs, Bücher, Flipperkästen und ein E-Piano. Das Zentrum des Nachtlebens war unsere Crew-Bar. Wir hatten ein eigenes Fitness-Studio, eine Sauna und ein Crew-Deck mit Blubberbad. Neuerdings können auch wir ungestreiften Besatzungsmitglieder im Shanty-Chor mitsingen, der bis dahin den Offizieren vorbehalten war. Trotz kostenloser alkoholischer Getränke tun das allerdings die wenigsten. Ich war natürlich sofort mit von der Partie😊 Wir können auch die Shows im Theatrium, den „Cube“ oder die Rockbox besuchen. Natürlich ist das trotzdem kein Vergleich zum Land- bzw. Stadtleben. Andererseits: Wie oft gehen wir zu Hause aus? Nutzen wir die tausend Möglichkeiten wirklich?

Für unser Schiff wurde eigens die Hymne „Off We Go“ komponiert, die mit Solisten, Chor und Tänzern einstudiert wurde. 200 Sänger hätten eigentlich einen starken Dirigenten gebraucht, aber wir hatten gar keinen. Die Choraufnahmen fanden in der Penthouse-Suite 12306 statt. Das allein wäre bereits Grund genug gewesen zum Mitmachen😉 Es gab auch Videoaufnahmen: https://youtu.be/rNI6G2ILipE.

Die Moderation machte Janine. Sie hatte in einem gewagten Kostüm bereits die Schiffstaufe moderiert, erfreut sich offenbar einer gewissen Prominenz und leitete unser bordeigenes Filmstudio, das erste an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Bei den Videoaufnahmen motivierte sie uns mit: „Wir haben hier Spaß. Wir sind ja bei AIDA und nicht bei ‚Mein Schiff‘!“ 😀 Beim zweiten Teil unseres Videodrehs schlug sie (allerdings nur an meine Kollegen und mich gerichtet) vor, auf dem Schiff eine Samenbank für fortpflanzungsfreudige Frauen einzurichten😂


Ménage à trois

Mein zweiter Kabinenkollege hieß Jonn, war 21 und führte die Stehpaddel-Ausflüge. Ich stand morgens stets vor ihm auf. Um ihn nicht zu wecken, schaltete ich nicht die Deckenbeleuchtung der Kabine ein, sondern nur das Schreibtisch- oder das Badezimmerlicht. Einmal lagen Kleider auf dem Stuhl, den ich zum Hinabsteigen aus dem oberen Bett verwende. Darunter standen rosarote Turnschuhe. Ich dachte mir nichts dabei und ging ins Badezimmer. Von dort aus hörte ich, dass die Kabinentür ins Schloss fiel. Seltsam. Hatte Jonn verschlafen und die Kabine panikartig verlassen? I wo! Er schlief ganz friedlich. Dafür waren die Kleider und die Schuhe verschwunden. Er wollte nicht so recht damit herausrücken, mit wem er die Nacht in seiner schmalen Koje verbracht hatte, und es ging mich auch nichts an😉 Ein paar Nächte später hatte er erneut Damenbesuch. Ich schlafe zwar stets mit Ohropax, aber diesmal bin ich aufgewacht. Ich hätte natürlich kurz den Vorhang öffnen können, um zu sehen, wen er sich angelacht hatte, aber man ist ja diskret😉 Diesmal verschwand die Dame noch in der Nacht.

Nach der dritten heißen Liebesnacht meines Kabinenkollegen lagen wieder Kleider auf dem Stuhl, und die rosaroten Turnschuhe standen erneut auf dem Teppich. Diesmal ist niemand panikartig geflüchtet, im Gegenteil: Es lag sogar die Crew-Karte der Inhaberin auf dem Tisch. Die Hemmschwelle, sie umzudrehen, war gering: Es war eine Scout-Kollegin. Beim vierten Mal trug sie ein geblümtes Top und Stiefeletten. Beide sind inzwischen abgestiegen. Meine noch ungeöffnete Aloe-Vera-Sonnencreme für 5,40 € hat er mitgenommen😠

Sein Nachfolger war der 35jährige René. Er ließ seine Schuhe überall in der Kabine herumstehen und das Licht brennen. Einmal fand ich auf dem obersten Regalfach ein verschimmeltes Sandwich aus einem Vesperpaket von einem seiner Ausflüge😮 Manchmal warf er bereits frühmorgens seine Musikbox an. Keine Ahnung wieso😉 Er hatte sich ebenfalls eine Kollegin angelacht. Bei dieser war er der Nachfolger eines bereits abgestiegenen Kollegen. Alle drei Wassersportler. Vielleicht sollte ich umsatteln😉 Bei den beiden fiel fast jeden Tag die Tür ins Schloss, nachdem ich aufgestanden war, René aber noch nicht. Als ich einmal nachmittags in die Kabine kam, hörte ich ihn schnarchen und arbeitete leise an meinem Laptop, um ihn nicht zu wecken. Nachdem sein Wecker geklingelt hatte, stand er auf. Umso überraschter war ich, als aus seinem Bett plötzlich ein fröhliches „Hallo Stefan!“ ertönte😮 Es war sein Betthäschen. René ist eine Woche vor mir abgestiegen.

Mein vierter Kabinenkollege hieß Vinay, war Inder und arbeitete als Fotograf. Er war der Freund einer Scout-Kollegin, die nach meinem Auszug zu ihm gezogen ist. Auch mit ihm kam ich gut bis sehr gut aus😊


Die Sache mit der Sicherheit

An Bord war einmal im Monat HESS-Rundgang. Da inspizierten die ranghöchsten Offiziere, ob alles den Vorschriften über Gesundheit, Umweltschutz und Sicherheit (Health, Environment, Safety and Security) entsprach. Das hieß, dass alle Chemikalien angeschrieben und richtig gelagert sein mussten. Und dass sich bei uns keine verderbliche Ware befinden durfte. Auch nicht unsere Energieriegel, die wir den Fahrradgästen mitgaben. Deshalb wurden diese vor der Inspektion in Sicherheit und danach wieder an ihren gewohnten Ort gebracht. Mit vollem Wissen der hohen Offiziere😉

Dann war RAAS-Audit angesagt. Wofür das steht, wusste niemand so recht, sondern nur, dass dafür schlecht gelaunte und misstrauische Italiener jeden toten Winkel kontrollierten. So auch die Trinkwasserspender in unserem Fahrradraum. Dort hatte sich offenbar ein Algenfilm gebildet. Der gab natürlich Anlass zur Beanstandung.

Und das just vor Andrés Abstieg. Das war unser sehr sympathischer Shore Operations Manager. Während eines Meetings ging es um das Verhalten in fremden Ländern. André wollte eigentlich sagen, dass urinieren an öffentlichen Stränden nicht angezeigt sei. Stattdessen sagte er „onanieren“ und hatte damit die Lacher auf seiner Seite😂

An den Wechseltagen mussten die Gäste eine gesetzlich vorgeschriebene Seenot-Rettungsübung mitmachen. Das klingt nach mehr, als es war. Sie mussten nämlich nur mit ihrer Rettungsweste zu ihrem Sammelplatz. Dazu dienten diverse Restaurants und das Theatrium. Damit es nicht zu einfach wurde, verwendet man für die Treffpunkte aber nicht die Namen der betreffenden Örtlichkeiten, sondern Buchstaben. Mit der Folge, dass man zigmal von Gästen gefragt wurde, wo Musterstation A, B, C … läge. Ich bin fast sicher, dass das spätestens nach dem nächsten Untergang eines Kreuzfahrtschiffs, bei dem die Gäste ihre Sammelplätze nicht rechtzeitig gefunden haben, geändert wird😉 Weil das Rettungsboot, das meinem Sammelplatz zugewiesen war und sich auf der Steuerbordseite befand, schon ohne mich voll war, musste ich mit einer MES (Marine Evacuation System) vorliebnehmen. Das sind aufblasbare Floße. So weit, so schlecht, aber meines befand sich auch noch backbord. Offenbar rechnete niemand ernsthaft damit, dass ich bei Feuer, Rauch und Panik noch einmal quer übers Schiff gemusst hätte😩

Die Besatzung musste 15 Minuten vor Beginn der Sicherheitsübungen für die Gäste an den Sammelplätzen sein. Dummerweise gingen die Gäste bereits gleichzeitig mit uns los, verstopften die Treppenhäuser und Gänge und setzten sich in die Restaurants, bevor wir mit den Scannern an den Eingängen standen😞 Die Bordkarten der Gäste wurden eingescannt, und sie bekamen so ähnliche Sicherheitshinweise wie im Flugzeug samt Demonstration der Rettungsweste. Einige Gäste verpassten den Termin auch. Die wurden dann über Lautsprecher ausgerufen. Einmal ertönte mein Name😦 Ich war zwar da, hatte aber tatsächlich vergessen, mich scannen zu lassen!

Die höheren Sicherheitsanforderungen mögen damit zu tun haben, dass AIDA zu Costa gehört, der Besitzerin der unglückseligen Concordia. Deshalb wurde auch vor jedem Auslaufen das gesamte Schiff systematisch nach verdächtigen Personen und Objekten durchsucht. Wer wirklich eine an Bord geschmuggelte Bombe an Bord verstecken wollte, würde natürlich trotzdem einen Platz finden. Ein Schiff hat einfach zu viele dunkle Ecken.

Für unsere feuergefährlichen Fahrrad-Akkus hatten wir spezielle brand- und alarmgesicherte Ladeschränke. Einmal ging einer nachts los, weil die Tür sich durch den Seegang etwas bewegt hatte, so dass die Gäste der darüberliegenden Kabinen auf Deck 4 sich beschwerten. Der Feuerwehrmann klebte einfach den Sensor mit Panzerband ab😉

Als ich vom Shopping-Center in Las Palmas mit einigen ortstypischen Produkten zurückkam, die ich nach Hause mitnehmen wollte, sagte der sehr nette Security-Mann bereits, dass selbst verschlossene Gläser mit verderblichem Inhalt verboten seien😯 Zum Glück war da unser Bootsmann. Er war ein Original, der das Pensionsalter bereits erreicht haben musste. Er nahm meine vier Gläser, stopfte sie in die Taschen seines Overalls und schmuggelte sie für mich an Bord😊


Mia san mit’m Radl do…

Die Fahrräder von Rose waren nicht schlecht. Zumindest die meisten. Sie hatten hochwertige Ergon-Lenkergriffe, die nicht klebten, die gleichen Terry-Sättel, die ich selbst fahre, und gefederte, also bandscheibenschonende Sattelstützen und die meisten sogar den Gates-Riemenantrieb. Die unverbindliche Preisempfehlung für ein „Xtra Watt“-Pedelec inkl. MwSt lag bei 3.199 €😮 AIDA als Großabnehmer dürfte zwar weit weniger zahlen. Dennoch soll aus Kostgengründen künftig ein anderer Lieferant zum Zuge kommen. Es ist zu befürchten, dass die Qualität darunter leiden wird😳

Dank der AIDA-Stapeltechnik schön ordentlich😊

Nach den Touren brachten wir die Räder sofort wieder an Bord. Sie wurden falls nötig und möglich immer sofort nach den Touren repariert und einmal im Monat systematisch kontrolliert und gewartet. Alles penibel genau auf dem Inspektionsblatt protokolliert. Der Grund: Falls ein Gast mal verunfallen sollte, wollten wir nachweisen können, dass das Rad ordnungsgemäß gewartet war. Da zeigte sich, dass der Hauptsitz unserer Muttergesellschaft in den USA lag.

Es dauerte gar nicht lange, da waren immer mehr Bremsbeläge abgefahren. Die hätten sich leicht ersetzen lassen… wenn wir Ersatz an Bord gehabt hätten. Es schien beinahe unmöglich, Nachschub zu beschaffen. Shimano hatte nur eine statt zwölf Packungen geliefert. Eine Bestellung brauchte mindestens vier Unterschriften. Die bekamen wir offenbar nicht, weil die eine die andere voraussetzte und umgekehrt😳 Deshalb mussten wir die Bremsbeläge aus den wenig gebrauchten Rädern kannibalisieren.

Die hydraulischen Vorderradbremsen zahlreicher Citycrossräder, die kopfüber aufgehängt wurden, leckten. Das mochte damit zusammenhängen, dass unsere Räder an Bord falsch herum hingen, so dass sie beim Rollen des Schiffes aneinanderschlugen. Andere Schiffe hatten mit den gleichen Rädern jedoch dasselbe Problem. Meine Kollegen hatten versucht, die Lecks mit Bändchen abzudichten. Als ich fragte, wofür diese seien, antwortete mein „Lieblingskollege“ Mathias (siehe unten) vorwurfsvoll, wenn ich öfter im Fahrradraum wäre, wüsste ich das.


Radtouren

Dadurch, dass ich die praktische Prüfung zum Retter vermasselt hatte, war ich dem Schicksal, Gefangener im Klettergarten zu sein, knapp entronnen😉 Und weil die Freundin unseres dritten Supervisors bereits als Hiking-Guide eingeteilt war, wurde ich dann doch noch Biker😊

Unser Schiff fuhr im Wochentakt die Route Gran Canaria – Seetag – Madeira – Seetag – Teneriffa –  Fuerteventura – Lanzarote – Gran Canaria. Bereits die erste Erkundungsfahrt auf Teneriffa mit meinen Kollegen war herrlich: Die Sonne, die Wärme, die Landschaft, die Städte, die Bewegung😊 Ich wusste sofort wieder, warum ich diesen Job machen wollte.

Auf der Abfahrt vom Castillo Santa Barbara bei Teguise auf Lanzarote hat mein Tachometer 70,6 km/h angezeigt😮 Kollege Jörg malte mit dem Hinterrad schwarze Streifen auf den Asphalt, und es roch nach verbranntem Gummi😉

Auf Fuerteventura die erste Radtour mit sechs Gästen und fünf Guides. Zum ersten Mal seit drei Monaten konnte ich wieder im Meer schwimmen. Und das während der Arbeitszeit😊 Nur der ständige Wind ließ mich frieren, weil ich meine langen Bike-Trikots noch nicht hatte. Bekommen habe ich sie mit viel Glück erst neun Wochen, nachdem die ersten Gäste an Bord gekommen waren. Unsere Zentrale in Rostock hatte es nicht geschafft, sie an unseren Hafenagenten in Las Palmas zu schicken. Das Problem gelöst hat die Großmutter eines Kollegen, die hier auf dem Schiff Urlaub gemacht und sich unter seiner Vermittlung bereiterklärt hatte, meine Sachen mitzubringen, so dass unsere Zentrale sie zu ihr schickte.

Für die zweite Tour zum Bandama-Krater auf Gran Canaria hatten sich 23 Gäste angemeldet hatten. 20 waren das Maximum für eine Gruppe. Deshalb sollte Kollege Michi mit einer eigenen Gruppe parallel mit mir fahren. Er fühlte sich bei dem Gedanken sehr unwohl. Zu seiner großen Erleichterung sagten drei Gäste ab, so dass wir zusammen mit mir an der Spitze und ihm am Schluss fahren konnten. Abgesehen von einem geschlossenen Café, wo wir Pause machen wollten, und einer gesperrten Straße klappe alles. Auch die Gäste applaudierten am Schluss. Da ging mir immer das Herz auf😊

Der Bandama-Krater auf Gran Canaria

Bei der nächsten Landung auf Madeira hatte ich gleich zwei Pedelec-Touren und deshalb keine Zeit zum Mittagessen. Die erste zur Christusstatue ging besser als die zweite, weil ich sie bereits kannte. So fuhr ich die zweite in der falschen Richtung. Zum Glück kannten die Gäste den genauen Tourenverlauf nicht😉 Bergauf mussten trotz „Turbo“-Modus einige schieben. Umso größer meine Überraschung, als ich bei der Abmoderation vor dem Schiff mein erstes Trinkgeld von 5 € erhielt😮 Irgendetwas musste ich also richtig gemacht haben😊

Die Christusstatue auf Madeira

Auf der Soft-Tour auf Teneriffa war eine Kamerafrau von unserem bordeigenen Fernsehstudio dabei. Die meisten Gäste blieben während der großen Pause am Strand, während wir zu viert 150 Höhenmeter die Bergstraße hinauf zu einem Aussichtspunkt fuhren. Dort gab ich vor der Kamera ein kurzes Interview. Noch bevor ich es gesehen hatte, sprachen mich Gäste darauf an, dass sie mich im Theatrium auf der Leinwand gesehen hätten. Als ich endlich die DVD anschauen konnte, musste ich feststellen, dass die Fernsehkollegin mein schönes Interview völlig verhackstückt hatte😯

Der Las-Teresitas-Strand auf Teneriffa. Im Hintergrund der Teíde😮

Auf Gran Canaria fuhr ich die Tour in der falschen Richtung, weil das Navi diese nicht angab und ich die Route noch nicht kannte😯 Eine Kollegin von der Rezeption, die als Schlussfrau mitfuhr, meinte, die Gäste hätten davon nichts bemerkt. Dann führte die Strecke in das abgezäunte Hafengelände. Ich verzichtete darauf, die Räder durchs Drehkreuz zu quetschen😉 Meine Erklärungen mussten die Gäste wohl ziemlich beeindruckt haben, denn eine Teilnehmerin fragte mich, wie lange ich schon auf Gran Canaria lebte😂

Auf meiner ersten Soft-Aktiv-Tour auf Fuerteventura war ich Schlussmann, während mein Kollege, der die Tour bereits kannte, an der Spitze fuhr. Wer stürzte? Er! Er hat sich zum Glück nur den Arm etwas aufgeschlagen. Und er hat darauf verzichtet, den Vorfall zu melden, weil das sofort zur Carnival-Zentrale nach Miami gehen würde. Wäre ihm binnen zwei Wochen etwas Ähnliches zugestoßen, hätte André uns eine Nachschulung geben müssen, wie man bremst…

Der Rückweg von Caleta de Fuste der Küste entlang zum Schiff zog sich. Erstens gab es keinen Asphalt, sondern nur eine holprige Schotterpiste, zweitens mussten wir gegen den Wind kämpfen, und drittens fing es gegen Ende auch noch an zu regnen. Und das, obwohl auf Fuerteventura im Durchschnitt nur 1/7 so viel Regen fällt wie Deutschland! Die Gäste bekamen Getränkegutscheine als kleine Wiedergutmachung. Eine Woche später wurden wir zum Glück nur leicht feucht. Die Kanaren sind bekanntlich die Inseln des ewigen Frühlings. Da kann schon mal Aprilwetter herrschen😉

Auf der Stadt- und Strandrunde in Santa Cruz auf Teneriffa hätte alles wie am Schnürchen geklappt … wenn da nicht dieser 7 cm lange und 2 mm dicke Kupferstab plötzlich senkrecht in meinem Reifen gesteckt hätte😮 Keine Ahnung, wofür er war und wie er da hineingekommen war. Das Malheur war zum Glück rasch behoben.

Auf meiner Soft-Aktiv-Tour auf Madeira fuhr ich erstmals wie eigentlich angedacht von Câmara de Lobos auf einem kleinen Fußweg zurück nach Funchal. Auf diesem waren normalerweise höchstens Fußgänger unterwegs. Weil er etwas verschlungen war, fuhr ich zum Glück sehr langsam und konnte für die Katze, die mitten auf dem Weg in der Sonne lag, noch rechtzeitig bremsen. Als ich sie aufs Mäuerchen hob, protestierte sie mit lautem Miauen, zur großen Freude der Gäste. Selbst wenn ich ihr hätte ausweichen können, einer meiner Gäste hätte sie bestimmt überfahren. Eine Woche später dasselbe😊

Von einem meiner Gäste erfuhr ich noch eine schöne Geschichte: TUI-Gäste hätten in Norwegen eine Pedelec-Tour gebucht. Aber niemand hätte ihnen gesagt, dass sie nur in der niedrigsten Motorunterstützung fahren durften, weil sonst die Akkus vor dem Ende der Tour leer gewesen wären. Entsprechend sauer seien sie gewesen😂


Zeit zum Arbeiten

Natürlich muss die Arbeitszeit erfasst werden. Dazu stempeln wir uns mit unseren Crew-Karten an speziellen Terminals ein und aus, wodurch unsere tatsächlichen Zeiten elektronisch erfasst werden. Wenn man es nicht vergisst, funktioniert das auch. Aber nicht immer. Unser elektronisches Zeiterfassungssystem wusste bereits am Morgen des 19. Februar, dass ich bis Mitternacht arbeiten würde😃

Auf einem Schiff gibt es keine 40-Stunden-Woche. Aber manche Tage… So wie dieser auf Gran Canaria:

5.15 Uhr aufstehen und duschen
5.30 Uhr Räder abhängen, kontrollieren und für die Sonnenaufgangstour hinausschieben
6.30 Uhr Frühstück
7.00 Uhr Sehenswürdigkeiten lernen
8.20 Uhr Treffpunkt auf der Pier
8.45 Gäste für die Tour einchecken
9.00-14.00 Uhr Einweisung und Tour
14.00-15.00 Uhr Rucksäcke und Helme zurücknehmen und Räder zurückschieben und aufhängen
15.00 Uhr duschen und umziehen
16.30-19.30 Uhr Klettergarten
19.45-20.15 Uhr unseren Bereich nach verdächtigen Objekten, Personen und Tieren durchsuchen
20.15 Abendessen
20.45-21.30 Uhr Seenot-Rettungsübung

Der Dienstplan stimmte nicht immer. Einmal sollte ich an zwei Orten gleichzeitig sein. Irgendwie hat mich das an Thomas Cook erinnert. Mein Chef Mario, darauf angesprochen: „Wie würdest du das denn lösen?“ – „Ich frage meinen Chef.“ Das war natürlich die falsche Antwort: Ich sollte einen Kollegen finden, der für mich einsprang. Das hatte ich den ganzen Nachmittag erfolglos versucht. Nachdem alle Radtouren zurück beim Schiff waren, rief ich meinen Supervisor Fifty (siehe unten) an. Der, in seiner gewohnt unterstützenden, lösungsorientierten und hilfsbereiten Art: „Das weißt du aber nicht erst seit jetzt, oder?“ Ich konnte auch die einzige Kollegin, die frei gewesen wäre, nicht erreichen. Das Problem gelöst hat mein Klettergarten-Kollege, indem er mich aus diesem früher hat gehenlassen.

Unter JP dasselbe Problem. Auch diesmal sollte ich das Problem selbst lösen und einen Kollegen finden, der die Schiffsdurchsuchung vor dem Ablegen für mich zu übernehmen. Ich finde eigentlich, dass Konflikte im Dienstplan von demjenigen zu lösen sind, der sie verursacht hat.

Auf Madeira musste ich um 7.15 Uhr aufstehen, hatte zwei Scuddy-Touren (siehe unten), musste danach mithelfen, die Räder für die Sonnenuntergangstour meines Kollegen vorzubereiten, Dutzende von Rädern zu desinfizieren und hineinzuschieben, dasselbe mit den Scuddys, hatte zwischendrin kaum eine Viertelstunde, um eine Tafel Schokolade zu verdrücken, mich zu duschen und umzuziehen, zwei Unfallberichte zu schreiben, die Einverständniserklärungen der Gäste zu suchen und dann die zurückgekommenen Räder von der Sonnenuntergangstour zu säubern und sie ebenso wie die E-Scooter wieder an Bord zu bringen… 13 Stunden beinahe Nonstop-Arbeit, dazu Bettwäsche wechseln und meine privaten Kleider waschen, trocknen und einräumen😦

Auf Lanzarote nicht viel anders: Um 5.30 Räder für die Sonnenaufgangstour bereitstellen, von der wir um 9.15 Uhr zurückkamen. Helme und Rucksäcke hineinnehmen, brunchen, umziehen, mit dem Pendelbus nach Arrecife in die Stadt fahren, dort drei Stunden lang jeden ankommenden Pendelbus desinfizieren bzw. die einsteigenden Gäste scannen, danach zwei Stunden am Schalter sitzen, eine Stunde lang Helme und Rucksäcke ausgeben und danach noch bis 21.10 Uhr am Meeting teilnehmen. Beim Ausstempeln zeigte das System eine „violation“ an, d.h. einen Verstoß gegen die Arbeitszeitvorschriften der Maritime Labour Convention (MLC). Mein Chef hat diese manuell korrigiert. Zum Glück, sonst hätte AIDA dem italienischen Staat eine Buße bezahlen müssen😉

Hatte ich schon gesagt, dass es an Bord keine 40-Stunden-Woche gibt? Und dass es einem nie langweilig wird?😉 Im Gegenteil: Irgendwie haben wir es an Bord immer eilig. Aber damit sind wir, die deutschen Besatzungsmitglieder, die einzigen. Die Gäste schleichen immer im Zeitlupentempo vor uns her und blockieren die Gangways, so dass man ihnen am liebsten auf die Hacken treten würde. Auch unsere asiatischen Kollegen schlurfen die Gänge entlang, als hätten sie alle Zeit der Welt. Die Einheimischen an Land sowieso.


Wie im Urlaub

Es gab aber auch erholsame Tage. Einmal hatte ich auf Fuerteventura einen Strandtransfer. Das bedeutete, dass ich 28 Gäste für ihren Bus von Puerto del Rosario nach Jandía einchecken und mit ihnen mitfahren durfte. Am Ziel angekommen hatte ich stundenlang Freizeit am Strand. Sozusagen ein Mini-Urlaub😊

Strand bei Morro Jable. Wenn es nur nicht so windig gewesen wäre😯

Von meiner ersten Sonnenaufgangstour auf Lanzarote war ich kurz nach 10.00 Uhr zurück. Mein nächster Einsatz war erst am Nachmittag um 16.00 Uhr. Ein kurzer Anruf, und ich konnte die zweieinhalbstündige Bustour „Der Norden Lanzarotes auf einen Blick“ mitmachen. Sie führte nach Jameos del Agua, einer teilweise eingestürzten großen Vulkanhöhle, die von César Manrique umgestaltet worden war, und in deren See kleine Albino-Krebse leben, und ins Tal der tausend Palmen mit der unvermeidlichen Verkaufsveranstaltung. Immerhin habe ich so wieder etwas Neues kennengelernt.

Die kleinen Albino-Krebse sind auf dem Bild nicht erkennbar😉

Auf Teneriffa war ich sogar offiziell als Hilfsscout für eine Bustour eingeteilt. Das bedeutete, dass ich die Bordkarten aller 52 Gäste einscannen, im Bus bei Abfahrt und Ankunft eine kurze Ansage machen, während der Pause kostenlosen Fisch mit Papas Arrugadas (kleine Salzkartoffeln mit Schale) und Mojo Verde (grüne Paprika-Koriander-Soße) essen und ein Protokoll ausfüllen durfte. Die Tour ging in den Nationalpark Cañadas del Teíde, also leider nur bis zum Fuß des 3.718 m hohen Vulkans. Ich war ja vor sieben Jahren bereits mit der Seilbahn oben gewesen. Beeindruckend war er noch immer.

Der Teíde ist geologisch betrachtet noch ein Baby😉

In Marseille boten wir nur wenige Ausflüge an, weil wir einen Tag früher als geplant ankamen, und das zudem noch am 1. Mai, einem Feiertag. Ich durfte wiederum als Hilfsscout mit nach Aix-en-Provence fahren:

König René, der letzte Graf der Provence und Erfinder der leckeren Calissons😊


Im Klettergarten

Ganz bin ich dem Klettergarten nicht entronnen, vor allem nicht an den Seetagen. Der Eintritt war für die Gäste kostenlos. Das war gleich aus drei Gründen erstaunlich:

  • Erstens verursacht der Klettergarten einen hohen Personalaufwand bzw. bindet mindestens zwei, meistens aber drei Arbeitskräfte.
  • Zweitens lässt so eine Kreuzfahrtreederei normalerweise keine Gelegenheit ungenutzt, um Einnahmen zu erzielen.
  • Drittens ist der Klettergarten während der Schulferien stets ausgebucht, und längst nicht alle, die gerne klettern würden, kommen zum Zug. Das ist besonders ärgerlich, wenn diejenigen, die einen Termin haben, nicht erscheinen und Andere dann ihretwegen nicht hineinkönnen.

Erst kurz vor meinem Abstieg wurde entschieden, dass Erwachsene bald 9,99 € bezahlen müssen.

Termine buchen, Gurte anziehen, Gäste einweisen, sie beaufsichtigen und die Gurte wieder ausziehen waren keine intellektuellen Highlights, aber man konnte zwischendrin den Ausblick aufs Meer genießen. Das war ziemlich entspannt. Außer wenn im Four Elements gerade eine Veranstaltung mit Mikrofon oder Tanzmusik stattfand. Dann musste man bei der Einweisung laut schreien, damit die Gäste einen verstehen konnten. Unser Sicherungssystem im Klettergarten war nahezu narrensicher. Wenn sich ein Gast nicht selbst den Gurt auszog, konnte er nicht abstürzen. Aber einmal hat es einer tatsächlich geschafft, einen Schuh zu verlieren. Ein anderer ließ es sich trotz mehrmaliger Aufforderung seitens meiner Kollegen nicht nehmen, ständig ins Stahlseil zu greifen. Er wurde über unser Rettungssystem abgeseilt. Weil er sich am Seil festhielt, statt meiner Kollegin einen Arm zuzustrecken, landete er im Swimming Pool😂

Fast fertig…

So ein Glashaus kann sich unter südlicher Sonne ganz schön aufwärmen. Es gab zwar eine Klimaanlage, aber die Natur ist im Zweifelsfall stärker. Immer wenn wir die Klappfenster öffnen wollten, hat eine andere Stelle auf dem Schiff sie wieder geschlossen. So stieg die Innentemperatur auf 34°C. Das war das zulässige Maximum, so dass wir alle Gäste hinauskomplimentierten und den Klettergarten hitzebedingt schlossen. Ein anderes Mal war raue See der Grund.

Nach einigen Monaten funktionierte plötzlich die große Uhr im Klettergarten. Noch einige Zeit später bastelten die Monteure an den Rollläden vor den Stangen mit den aufgehängten Klettergurten herum. Seither ließen sie sich ein paar Zentimeter nach oben und unten bewegen. Das nützt uns aber nichts, und wir mussten die Gurte nach wie vor jeden Abend zu Zehnerpacks auf eine Bandschlinge packen, mit einem Karabiner verschließen und durch das Drehkreuz in den Klettergarten schleppen, wo sie übernachteten. Hätten die Rollländen wie geplant funktioniert, hätten wir uns das Abhängen, Auffädeln, Hineinbringen, Herausholen und Aufhängen sparen können.

Gäste, die ich aus dem Klettergarten oder von einer meiner Radtouren kannte, traf ich auf dem Schiff zufällig immer wieder. Der Umgang mit ihnen machte mir Freude. Wenn ich nett und höflich zu ihnen war, waren sie es meistens auch mit mir. Abgesehen von der Schicki-Micki-Mutter im Klettergarten, die sehr ungehalten war, weil ich ihren 1,30 m kleinen Filius nicht hineinlassen wollte. Die Mindestgröße betrug 1,40 m. Es mag ja sinnlose Vorschriften geben, aber diese hatte ihren Sinn, weil Kleinere das Halteseil zum Einsichern nicht erreichen. Die meisten Gäste verstanden das, aber diese Dame beschwerte sich bei meinem Chef Mario, seines Zeichens Activities Manager. Der hat mit ihr vermutlich noch kürzeren Prozess gemacht als ich. (Er kannte übrigens meinen Ex-Chef David von TUI, und ich glaube, er hielt nicht allzu viel von ihm😉) Das Gegenteil waren die Gäste, die meine humorvolle Einweisung besonders mochten und mich baten, mit ihrem Handy einige Bilder zu schießen. Der Dank waren 10 € Trinkgeld. Eine Premiere für den Klettergarten😊

Nun wurde ja auf dem Schiff überall größter Wert auf Hygiene gelegt. Außer im Klettergarten. Die armen Gäste mussten ebenso wie ich die verschwitzten Klettergurte des Vorbenutzers anziehen. Im besten Fall ließen wir sie dazwischen eine Stunde trocknen. Gewaschen wurden sie selten😞


Technik…

Genau wie an Land klappte auch auf einem Schiff mit der tollen Technik nicht immer alles. In unserer Kabine fiel am Anfang das Licht im Badezimmer aus, ebenso die Steckdosen am Schreibtisch, so dass ich dort nicht mehr an meinem Laptop arbeiten und ihn nicht mehr laden konnte. Auch fernsehen ging nicht mehr. Wir haben den Elektriker sofort und mehrfach informiert, aber erst nach fünf Tagen hat er den Sicherungsautomaten wieder zurückgestellt, und alles klappte wieder. Zwei Tage lang. Dann waren wir gleich weit wie vorher. Diesmal allerdings nur für fünf Stunden. Nicht weil der Bordelektriker diesmal schneller gewesen wäre, sondern weil wir unter Verletzung sämtlicher Vorschriften zur Selbsthilfe schritten. Mangels eines Vierkantschlüssels öffnete ich den Sicherungskasten mit meinem Nagelknipser und verschloss ihn auch wieder damit. Das dritte Mal war just in dem Moment, als ich das Netzteil meines Laptops einsteckte. Einmal passierte es sogar bei ausgeschaltetem Laptop.

Einer der Höhepunkte meiner Zeit an Bord war der Test einer Gästekabine. Sie befand sich auf Deck 10 und hatte einen Balkon. Es war unbeschreiblich, nachts bei geöffneter Balkontür dem Rauschen des Meeres und des Windes zu lauschen. Es fühlte sich wie eine echte Kreuzfahrt an😊

Mein neues Zuhause😎 Leider nur für eine Nacht😳

Dafür musste ich prüfen und protokollieren, ob alles funktionierte. Eine andere Kabine hatte einen Wasserschaden. Auch in der Crew-Messe tropfte es von der Decke. Als wir das zweite Mal in der „Time Machine“ waren, erlebten wir auch dort eine Art unfreiwillige Realitätsnähe durch eine leckende Sprinkleranlage an der Decke😉 Aber immer noch besser Wasser von oben als von unten😉

Während der Werftzeit erhielten wir viermal 1 GB kostenloses Datenvolumen. Zumindest theoretisch, denn zwei der Gutscheincodes haben bei mir nicht funktioniert, der dritte war ratzfatz aufgebraucht, obwohl das Internet an Bord immer mal wieder ausfiel, und der Rest des vierten verfiel ohne Vorwarnung mit der Übergabe des Schiffes an die Reederei. Irgendwann bekamen wir wieder 500 MB kostenloses Datenvolumen, die wir während der Liegezeiten im Hafen nutzen konnten, und dann ein weiteres GB. Die meisten Kollegen hatten ihre Datenpakete, die sie dank Wegfall der Roaming-Gebühren in der EU ohne Aufpreis nutzen konnten. Ich jedoch nicht. Die Schweiz gehört nicht zur EU, und die Roaming-Kosten hätten mich aufgefressen. Während der Werftzeit ging ich in die 500 m entfernt liegende Seemannsmission, die ein stabiles kostenloses WLAN zur Verfügung stellte. Auch in jedem unserer Häfen hatte ich ziemlich schnell raus, wo ich mich einloggen konnte.

An den PCs in unserem Aufenthaltsraum hatten wir Internet-Zugang. Auf Gran Canaria gab es ein richtiges Internet-Café in Hafennähe. Einmal habe ich meinen riesengroßen Laptop aus der Kabine ins Einkaufszentrum El Muelle mitgeschleppt, um meine in den letzten drei Monaten angesammelten 532 E-Mails in Outlook herunterzuladen. Kaum war das geschafft, kam auch schon ein Aufpasser, der fand, ich dürfte nicht neben den Geldautomaten auf dem Boden sitzen und meinen Laptop einstecken. Ohne Netzteil war die Batterie sofort leer.

Alles klar?😉

Dann fiel unsere komplette Computertechnik an Bord aus. Wir konnten stundenlang keine Ausflüge buchen, und die Kollegen von der Security mussten jeden, der von oder an Bord gehen wollte, von Hand notieren, was zu langen Schlangen an den Gangways führte.

Aber nicht nur das: Als ich mich auf meiner Fuerteventura-Tour dem Schiff näherte, wunderte ich mich, dass aus dem Schlot schwarzer Rauch aufstieg. Dabei verbrannte unser Treibstoff ausgesprochen sauber. Ich wollte ein Bild machen, aber darauf sah man nicht viel. Unser Kapitänspraktikant gab zerknirscht zu, dass eine der vier Maschinen eine Panne hätte und deswegen mit Diesel hätte betrieben werden müssen. Ingenieure der Herstellerfirma MaK seien an Bord, um das Aggregat zu reparieren.

Zu allem Überfluss war auch noch unser Uniformautomat defekt und spuckte Outfits aus anderen Abteilungen aus. Die Chefin unserer Scouts bekam die Uniform eines Feuerwehrmanns, andere Kollegen bekamen Küchenuniformen. Just zur Karnevalszeit😂

Wenn man bedenkt, wie komplex so ein Schiff ist, wird verständlich, warum es hin und wieder irgendwo hakt. Eigentlich ist es erstaunlich, dass trotz allem das Meiste ziemlich gut funktioniert😉


Rollende Risiken

Auch mit den Rädern klappt nicht immer alles. Auf meiner x-ten Pedelec-Tour auf Lanzarote fiel der Motor nach der Pause in der alten Inselhauptstadt Teguise aus, als wir die Räder dicht an dicht geparkt hatten. Zum Glück ging es von da an fast nur noch bergab. Das Training hat mir nicht geschadet, selbst wenn es unfreiwillig war😉 Der technikbewanderte Jörg hat das Problem durch eine Verstellung des Speichenmagneten gelöst.

Bei einem von Sabrinas Gästen fiel während der gleichen Tour der Speichenmagnet ab, so dass der Motor seines Pedelecs ausfiel. Ich montierte ihren an das Rad des Gastes, und sie musste ohne Motor weiterfahren😯 Und zwar durchaus auch bergauf😮

Die Federgabel eines Gastes auf meiner Tour war undicht, so dass sie bei Schlaglöchern anschlug. Um sie zu füllen, hätte man eine Dämpferpumpe benötigt, die wir an Bord nicht hatten. Wer dieses Rad bekam, fuhr Soft-Touren der anderen Art😉 Bis die Luft ganz heraus war und das Rad auf der schwarzen Liste landete.

Beim Auspacken unserer E-Scooter fiel mein Blick zufällig auf eine der Schachteln: Das Modell „The Urban BRLN“ ist zwar ein anderes, aber der Importeur ist Florian Walberg, der letztes Jahr die lebensgefährlichen Egrets an TUI verkauft hatte. Daraus gelernt hat er nichts: Nach drei Wochen waren bereits 16 unserer Roller defekt😦 Wir konnten einige davon reparieren und haben 20 neue bekommen. Die waren natürlich auch nicht besser: Zwei sind ebenfalls unkontrolliert zusammengeklappt. Einer verlor nach gerade mal 170 km beinahe seinen Hinterbau. Der Ständer sah aus, als ob er schon vom bösen Anschauen abbrach, und die Gäste traten ihn durchaus mit Füßen. Die hinteren Bremskabel hängten sich aus dem Gegenhalter aus, so dass man nur noch vorne bremsen konnte. Schrauben lockerten sich, Lenker fielen ab, Vorderräder lösten sich…😠

Der Friedhof der Kuschelscooter …
… oder war es der Club der toten Scooter?

Deshalb boten wir den Gästen das Ausleihen nicht mehr an. Anders als damals TUI hat die AIDA-Zentrale in Rostock uns nun nicht etwa gezwungen, unsere Gäste auf die Schrott-Sportgeräte zu stellen, sondern hat 30 neue und hoffentlich bessere bestellt😊

In Las Palmas kam mir plötzlich unser Kapitän Boris Becker in Zivil entgegen. Seine Frau und er hatten sich zwei Scuddys ausgeliehen. Er erkannte mich aufgrund meines Biketrikots, gab mir den Master-Schlüssel zurück und erklärte, nach 2 km sei einer der beiden Scuddys liegengeblieben. Ich dachte, es hätte mit seinem Gewicht zu tun gehabt, das über dem zulässigen Maximum lag, aber er sagte, es sei derjenige seiner (zierlichen philippinischen) Frau gewesen😉 René hat ihn auseinandergenommen und gesagt, der Antriebsriemen sei verhackstückt gewesen.


Orjanisation!

So eine Radtour bringt einigen organisatorischen Aufwand mit sich. Die Gäste mussten beraten werden, und sie mussten eine Einverständniserklärung unterschreiben. Dazu musten sie persönlich am Schalter vorbeikommen. Dort wurde ihnen gesagt, dass sie am Vorabend der Tour ins vordere Treppenhaus auf Deck 3 kommen sollten. Dort erhielten sie ihre Helme und Rucksäcke. Das vergaßen regelmäßig einige. Andere meldeten sich gleich ab, weil sie um diese Zeit Restauranttermine hatten. Das bedeutete, dass wir immer einige Ausrüstungsgegenstände mit auf die Pier nehmen mussten. Und nicht nur die, sondern vor allem auch die Räder. Jedes einzelne wurde vor jeder Tour abgehängt, ggf. mit Batterie und Display versehen, kontrolliert, entstaubt und zunächst in den Gepäckbereich geschoben. Wenn die Gangway freigegeben war, schoben wir sie hinaus. Erst vor dem Schiff nahmen die Gäste sie in Empfang.

Das ginge auch effizienter. Wir hätten die Räder wie gehabt in den Gepäckbereich schieben können. Die Helm- und Rucksackausgabe hätte am Morgen vor der Tour im Fahrradraum erfolgen können. Unmittelbar danach hätte jeder Gast sein Rad aus dem Gepäckbereich, der sich direkt davor befindet, mit hinaus auf die Pier nehmen können. Das hätte den Vorteil gehabt, dass die Gäste sich für die Ausgabe nicht extra zu uns hätten bemühen brauchen, kein Gast den Ausgabetermin verpasst hätte, und wir viel weniger Aufwand mit Räderschieben gehabt hätten. Analoges galt für die Rückkehr: Statt Räder, Rucksäcke und Helme auf der Pier abzugeben, hätten die Gäste diese mit in den Gepäckbereich hineinschieben können. Aber eben, auf einem Kreuzfahrtschiff zählen andere Aspekte als Effizienz. Ich weiß nur nicht welche😉

Gesunder Menschenverstand jedenfalls nicht. Als meine Kollegen während der Arbeit in unseren diversen nebeneinanderliegenden Räumen auf Deck 3 Musik hörten, störte das einen der Manager, dessen Büro eine Tür weiter lag. Er hätte ja nun meine Kollegen bitten können, die Musik leiser zu stellen oder die Türen zu schließen. Stattdessen zog er es vor, seinen Vorgesetzten zu informieren, der wiederum unseren Shore Excursion Manager Ingo informierte. Der hätte ja antworten können: „Sag mal, hast du sie noch alle? Das soll dein Mitarbeiter direkt klären.“ Stattdessen entschied er sich für: „Das ist auf einem Schiff halt so.“ Da wiehert das weiße Seepferdchen😦


Wir stehen uns selbst im Weg

Natürlich ist ein Biker nicht ständig draußen. Räder kontrollieren, raus- und reinschieben, warten und reparieren gehörten mit dazu. Aber auch Schalterdienst. Das heißt, man berät die Gäste, verkauft ihnen Ausflüge und bucht sie ein. Das wäre eigentlich nicht schwer gewesen, aber es gab ein paar Fallstricke. Für sämtliche von uns organisierten Aktivausflüge mussten die Gäste sogenannte Einverständniserklärungen unterschreiben. Natürlich dachte ich auch bei meinen ersten beiden Golfern daran. Nachdem sie gegangen waren, wollte ich sie in die Excel-Ausrüstungsliste eintragen. Dort waren zwei Felder für Rechts- bzw. Linkshänder und Stahl oder Graphit… Zum Glück spazierten sie wenig später noch einmal am Schalter vorbei, so dass ich die Informationen doch noch einholen konnte. Auf dem Formular wurde danach nicht gefragt. Auch zwei Schnorchler füllten das Formular aus. Und wieder erfuhr ich erst nach ihrem Weggang, dass ich für die Excel-Liste nach Größe, Gewicht und Schuhgröße für den Neoprenanzug hätte fragen sollen. Die Wanderer mussten angeben, ob sie lieber ein Schinken-Käse- oder ein Tomaten-Mozzarella-Sandwich wollten. Auf dem Formular auch davon kein Wort.

Ich sprach Mario darauf an, wieso auf den Formularen die betreffenden Felder nicht vorgesehen seien: Weil wir Formularänderungen über Rostock beantragen müssten. Die Kollegen müssten es nach Miami schicken und der Anwalt müsste sie bewilligen. Na, hoffentlich hatte er nichts dagegen, wenn wir die Angaben handschriftlich auf dem Formular vermerkten. Und dass regelmäßig wieder Erstfahrer hereinfallen…

Noch schlimmer, dass wir Aktivausflügler die Gäste auch über Bustouren beraten sollten, von denen wir keine Ahnung hatten, und unsere Scout-Kollegen über unsere Aktiv-Ausflüge Bescheid wissen sollten. Das führte nicht nur zu schlechter Beratung und zahlreichen Buchungsfehlern, sondern war auch völlig unnötig, weil es sich leicht hätte einrichten lassen, dass jeweils einer aus jeder Abteilung an jedem Schalter saß.

Das war aber immer noch nicht alles, weil wir im Atlantik die in der zweiten Reisehälfte liegenden Ausflüge nur „on hold“ buchen durften. Das System namens Fidelio gab keine Warnung aus, so dass wir immer wieder in die Falle tappten. Das hatte den Grund, dass die Gäste auch von zu Hause aus buchen konnten und deren Reservierungen in einer anderen Datenbank gespeichert wurden als bei uns an Bord. Ich glaube, ich weiß, warum AIDA händeringend Informatiker sucht😉

Und weil aller schlechten Dinge drei sind: Die „on hold“ gebuchten Gäste wurden von uns aus nicht informiert, ob sie ihre Ausflüge nun mitmachen konnten oder nicht, sondern sie mussten sich selbst im Bordportal, am Schalter in der in der myAIDA-App erkundigen. Dasselbe galt bei Änderungen der Startzeiten😞


Nebentätigkeiten

Schalterdienst hatte ja irgendwo noch mit Radtouren zu tun. Aber auf so einem Schiff wurde nun mal jede Hand gebraucht. Die Vielfalt der Aufgaben erhöhte durchaus den Reiz der Arbeit an Bord. Als da wären:

  • Sport-Rezeption, Herausgabe und Rücknahme der Minigolfschläger und -bälle.
  • Fahnen schwenken und lächeln zur Verabschiedung der Gäste.
  • Koffer-Duty im Terminal. Das heißt den Gästen helfen, ihr Gepäck, das bereits in der Nacht vor der Abreise von Bord gebracht wurde, für die Rückreise wiederzufinden und Schadensmeldungen aufnehmen.
  • Checkin-Aufbau im Terminal. Das heißt, Tische und Ausrüstung für das Einchecken der ankommenden Gäste vorbereiten.
  • Checkin: Die Ausweise der Gäste mit dem Checkin-Handy scannen, ein Bild machen und sie zum nächsten Schalter weiterschicken.
  • Checkin-Abbau: Die ganze Ausrüstung vor dem Ablegen wieder an Bord bzw. in die Container am Hafen bringen.
  • Dispatch: Die Bordkarten der in die Ausflugs- oder Pendelbusse einsteigenden Gäste scannen.
  • Kabinenbriefe verteilen. Das heißt auf jedem Deck die endlos langen Flure entlanggehen. Zum Glück ging ich gerne zu Fuß. Auch die Treppen auf und ab. Ein Kollege mit einem Schrittzähler kam bei der gleichen Aufgabe auf 3,2 km.
  • Pax Guiding vor den Bussen: Den Gästen sagen, in welchen Bus sie für ihre gebuchte Tour einsteigen müssen.
  • Welcome Duty: Vor dem Terminal stehen und den Gästen den Weg in die Stadt oder zum Schiff zeigen.
  • Ausflugspräsentation: Im Theatrium auf der Bühne stehen und den Gästen unsere Ausflüge vorstellen.
  • Wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch in der Sauna Aufgüsse machen dürfen, so wie meine Kollegen, aber man brauchte es ja nicht zu übertreiben😉
  • Zöllner spielen. Kein Witz! Auf Madeira durfte ich der Security helfen. Das heißt die Gäste auffordern, Handys, Schlüssel, Geldbeutel und Kameras in die Plastikwannen für den Scanner zu legen. Das wäre ja noch gegangen, aber ich musste auch in die Einkaufstaschen schauen. Wir konfiszierten einige frische Früchte, Sandwiches und Sahnetörtchen. Da ich keine Zeit für ein Mittagessen gehabt hatte, hätte ich einen Teil davon gerne übernommen, aber unser Security-Chef hatte dafür kein Musikgehör: Alles musste vernichtet werden😳

Nach den Radtouren gaben die Gäste ihre Leihrucksäcke zurück. Normalerweise waren sie leer, aber wir kontrollierten sie stets noch einmal. Und was musste ich da finden? Eine Anane. Kein Schreibfehler. Man könnte die Frucht auch Bananas nennen. Sie sah aus wie eine Kreuzung aus Banane und Ananas. Tastsächlich war es die Frucht des Philodendron-Baums aus der Markthalle von Funchal. Erstaunlich, dass sie es durch zwei Sicherheitskontrollen geschafft hatte, aber noch erstaunlicher, dass die Gäste sie im Rucksack vergessen hatten. Natürlich habe ich sie sogleich in meiner Kabine in Sicherheit gebracht😉 Allerdings schmeckte das Gewächs nicht, ganz im Gegensatz zum Vorzeigemodell in der Markthalle.

Bananas? Anane? Nein: Philodendron!


Ausstieg nur mit gültiger Fahrkarte

Bei der zweiten Landung in Palma de Mallorca hatte ich keine Radtour, sondern war unter anderem für die Pendelbusabwicklung vor dem Terminal eingeteilt. Ich dachte mir nichts dabei, bis ich erfuhr, dass ich nicht die einsteigenden, sondern die ankommenden Gäste scannen sollte, weil niemand in der Stadt für die einsteigenden Gäste da war. Es war mit das Mühsamste, was ich in den sechs Monaten bei AIDA erlebt hatte:

  • Die Gäste verstanden das nicht und dachten, sie müssten ein zweites Mal bezahlen.
  • Das Aussteigen aus den Bussen verzögerte sich dadurch, weil ich sie nur einzeln herausließ. Manche Busfahrer öffneten aber auch die hintere Türe, so dass die ganze Schar auf einmal gescannt werden wollte. Oder auch nicht😉
  • Einer der Busfahrer meinte, er könne nicht warten, bis ich alle Gäste gescannt hätte, und schloss die vordere Türe, während ich noch mit den aussteigenden Gästen beschäftigt war😦 Ich öffnete sie mit Kraft. Das wiederum gefiel ihm gar nicht, und er meinte, wenn ich sie beschädigte, müsste ich sie bezahlen.
  • Das Einlesen der Strichcodes auf den Bordkarten funktionierte bei starken Kontrasten nicht, wenn die Bordkarten teilweise in der Sonne, teilweise im Schatten waren.
  • Die Crew-Mitglieder, die kostenlos mitfahren konnten, wurden ungeduldig, weil sie zum Dienst mussten, ich sie aber gesondert einscannen musste und sie warten mussten, bis ich mit den Gästen durch war.
  • Im Scan-Programm musste ich jeden Bus einzeln anlegen. So ein Bus hat normalerweise 54 Sitzplätze. Dann kam plötzlich ein Doppelstöcker mit 80 Plätzen, so dass ich nach 54 Gästen nicht mehr weiterscannen konnte.
  • Einmal kamen zwei Busse gleichzeitig an…

Ich hätte meiner Kollegin, die mich nach drei Stunden und 15 Bussen abgelöst hat, vor Freude um den Hals fallen können😉


Beschwerden und andere Unfälle

Aufgrund schlechter Planung lagen wir auf Gran Canaria und auf Lanzarote zusammen mit der AIDAstella im Hafen. Dadurch waren auch die lokalen Agenturen, über die wir die Busausflüge buchten, überfordert. Einige Gäste bekamen Absagen. Auch die Informationen und vor allem die Startzeiten der Ausflüge im Bordportal stimmten immer mal wieder nicht. Weil wir unsere finanziellen Ziele erst einmal nicht erreicht hatten, bekamen wir hohen Besuch aus Rostock. Dieser kam anschließend zu der Schlussfolgerung, dass wir an Bord nicht mehr tun könnten. Oder doch, denn irgendwann wurden die ursprünglich nicht vorgesehenen Ausflugspräsentationen im Theatrium doch eingeführt. Auch ich durfte auf der Bühne stehen und den Gästen unsere Radtouren schmackhaft machen.

Ansonsten sind mir nicht viele Beschwerden von Gästen zu Ohren gekommen. Einige wären auf meiner Tour gerne länger im Botanischen Garten von Las Palmas geblieben, aber das ging vom Zeitplan her nicht. Eine Mutter kritisierte, dass der Empfang ihres Babyphons an manchen Stellen schlecht sei. Andere waren nicht zufrieden, weil die À-la-carte-Restaurants schon im Voraus online ausgebucht waren, die Buffet-Restaurants als Sammelplätze für die gesetzlich vorgeschriebenen Seenot-Rettungsübungen gebraucht wurden und die Gäste frei durch die Restaurants spazieren konnten. Oder dass die Kellner kein Deutsch verständen. Sie dachten vermutlich nicht daran, dass deutschsprachige Servicekräfte doppelt so teuer wären und der Reisepreis dann höher läge. Davon abgesehen verteilten sich die Tausende Gäste sehr gut auf das Schiff, selbst an Seetagen. Trotzdem gab es beim Aussteigen manchmal Staus, vor allem, wenn wir die viel zu engen Gangways der Häfen statt unserer eigenen breiteren verwenden mussten.

Nachdem die Polizei uns auf Fuerteventura das Stehpaddeln mangels Genehmigung verboten hatte, folgten die Scuddy-Touren auf Teneriffa. Auch auf Madeira gab es Probleme. Offenbar bewegten wir uns in einer Art Grauzone. Deshalb sollten wir immer unsere Versicherungsnachweise mitführen, um sie der Polizei notfalls vorweisen zu können.

An Silvester auf Madeira hatte ich sogar zwei Touren. Bereits bei der ersten wurden wir im Regen ordentlich nass, aber die Gäste nahmen es mit Humor. Zurück beim Schiff keine Mittagspause, nur Zeit für drei Energieriegel und etwas Schokolade. Bei der zweiten Tour fehlten vier Gäste, so dass ich sie in ihrer Kabine anrufen musste und wir wegen Fahrrad- und Satteltausch noch später loskamen. Die Mutter der verspäteten Familie fragte als erstes, ob sie ihren Restaurant-Termin am Abend noch erreichen würde. Unterwegs beschwerte sie sich ständig und fragte, ob wir die Tour aufgrund des Regens nicht abbrechen könnten. Damit war sie aber die einzige, so dass wir weiterfuhren. Dummerweise stürzte auf dem Rückweg ihre Tochter auf dem nassen Pflaster beim Bergabfahren. Auf meine wiederholte Frage antwortete sie, dass sie weder verletzt sei noch Schmerzen hätte. Auch die Mutter hätte sich gestoßen und wollte wissen, wo sie sich beschweren könne. Zurück beim Schiff erfuhr ich, dass meine Kollegin, die die gleiche Tour parallel gefahren war, nach Rücksprache mit unserem Chef die Tour abgebrochen hatte. Allerdings wären wir auch in diesem Fall an der Stelle vorbeigekommen, an der das Mädchen gestürzt war.

Deshalb hätte es mich nicht wundern dürfen, dass ich am Abend ins Office bestellt wurde, um informiert zu werden, dass die beiden im Bordhospital gewesen seien, und meine Sicht der Dinge darzulegen. Wir mussten einen Unfallbericht schreiben. Meine Abteilung hat unnötigerweise die Arztrechnung übernommen. Vom Krankenhaus erfuhr ich, dass dem Mädchen wie vermutet nichts passiert war. Immerhin haben meine Chefs mir keinen Vorwurf gemacht. Bei TUI hätte ich vermutlich wieder eine Abmahnung wegen unterlassener erster Hilfe am Hals gehabt😯

Drei Monate später stürzte auf Fuerteventura wieder eine Frau. Unsere Strecke führte auf einer Schotterpiste durch ein holpriges, steiniges trockenes Bachbett. Nach Zeugenaussagen konnte die 71jährige sich nicht entscheiden, ob sie absteigen oder weiterfahren wollte. Sie schürfte sich zum Glück nur das Knie und die Hand auf. Ich leistete sofort erste Hilfe, und sie hat auch mein Unfallprotokoll unterschrieben.



Bitte lächeln!

Auf unserem Schiff gab es Zettel mit dem AIDA-Logo und dem Titel „Ihr Lächelmoment“. Die Gäste sollten notieren, mit wem von der Besatzung sie besonders schöne Erlebnisse hatten. Die Abteilung, die am meisten Lächelmomente sammelte, bekam eine Belohnung. Deshalb schlug unser Chef JP vor, diese Lächelmomente aktiv zu bewerben. Wir taten wie geheißen. Wir hätten 124 erhalten sollen, kamen aber „nur“ auf 84. Davon fünf für mich. Was mich besonders freute: Auch die verunfallte Frau hatte einen Zettel für mich ausgefüllt, weil sie sich nach ihrem Sturz von mir so gut betreut fühlte😊

Hier ist das Lächeln zu Hause😉

Bei der Einweisung sagten wir den Gästen stets, dass sie unsere Handzeichen nicht weitergeben sollten. Ein Gast auf einer Tour meines Kollegen hielt sich nicht daran, stürzte mit dem Gesicht auf die Bordsteinkante und verlor zwei Zähne😮 Auf zwei anderen Touren wurden zwei Teilnehmer von sich schließenden Schranken getroffen. Wir mussten unterschreiben, dass wir nicht mehr unter offenen Barrieren durchfahren würden. Die Krönung waren aber die Gäste, die ihren Flug nach Gran Canaria selbst gebucht hatten und bei unseren Kollegen von der AIDAsol fragten, wann denn die AIDAnova ankäme. Sie waren nach Palma de Mallorca statt nach Las Palmas de Gran Canaria geflogen😂


AIDAspeak

Bordsprache ist deutsch. Zumindest theoretisch, denn pseudo-modisches Denglisch kommt der Sache näher:

  • Action Wall
  • AIDA Lounge
  • AIDA Quiz
  • Art Bar
  • Basic Safety Training
  • Beach Club
  • Best of Piano
  • Bike Locker
  • Biking
  • Body & Soul Wellness
  • Counter
  • Fit4Drums
  • Fotoshooting
  • Four Elements
  • Guitar Legends
  • Highlights des Tages
  • Hiking
  • Kapitänstalk
  • Kids & Teens Show
  • Kids Club
  • Lasershow
  • Lunchpaket
  • Mystery Room
  • Organic Spa
  • Power Plate
  • Racer
  • Ship search
  • Shuffleboard
  • Shuttlebus
  • Stand-up paddling
  • Steampunk Circus
  • Street Food
  • Super Jackpot Bingo
  • The Cube
  • The Voice of the Ocean
  • Tickets
  • Toms Prime Time
  • Track

Es ist ja nicht so, dass unsere Sprache kein hinreichendes Vokabular bereithielte😉


Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?

Meine Abteilung bestand aus rund 30 Crew-Mitgliedern, unsere drei Chefs eingeschlossen: Shore Excursion Manager, Tour Manager und Activities Manager.

Um 8 Uhr früh an einem Seetag bei Kälte und Nieselregen auf Deck 18😯

Was mich immer wieder erstaunt hat: Die allermeisten Kollegen waren sehr nett. Der Anteil war jedenfalls weit höher als an Land😊 Aber Ausnahmen bestätigten auch hier mal wieder die Regel. Allen voran mein erster Supervisor namens Fifty:

  • „Schieb zwei Räder auf einmal!“
  • „Das nächste Mal wechselst du die Pedale schneller!“
  • „Bring zuerst die Mountainbikes und erst dann die Pedelecs!“
  • „Die Gäste sollen Bilder machen, nicht du!“
  • „Die Energieriegel sind für die Gäste und nicht für euch!“
  • „Zieh den Rucksack aus und nimm den Helm ab, sonst bekomme ich Augenkrebs!“
  • „Es ist 7.16 Uhr. Dein Dienst begann um 7.15 Uhr!“
  • „Du sollst die Kollegen nicht vor versammelter Mannschaft bloßstellen!“ Mein „Fehler“ war es gewesen, bei einem Workshop die Umrechnung von psi in bar zu erklären…

Das Eine oder Andere mag ja berechtigt gewesen sein, aber Fifty litt offenbar an einem regelrechten Kontrollzwang. Er fuhr auf meiner ersten Pedelec-Tour auf Fuerteventura mit. Wie nicht anders zu erwarten hatte er daran allerhand zu kritisieren. Hingegen haben mir drei Gäste für meine Erklärungen ausdrücklich gedankt, und am Schluss haben alle geklatscht. Fifty hat es zum Glück gehört. Erklärungen waren nicht seine Stärke. So bezeichnete er eine Meerwasserentsalzungsanlage schon mal als „Wasserkraftwerk“😂

A propos Wasser: Sechs Wochen, nachdem wir an Bord gekommen waren, schraubten wir erstmals an unseren Fahrrädern. Schmutzige Hände waren die unvermeidliche Folge. Bei TUI hatten wir im Fahrradraum ein Waschbecken samt Sandseife gehabt. Dummerweise fragte ich Fifty, wo man sich am besten die Hände waschen könne. Nun hätte er erklären können, dass es im Fahrradraum dafür keine Einrichtung gäbe und ich auf meine Kabine, auf die Toilette unseres nahegelegenen Aufenthaltsraums oder in unseren Waschraum zwei Türen weiter gehen könne. Stattdessen fand er es hilfreicher, mir zum Vorwurf zu machen, dass ich das nach sechs Wochen noch nicht wüsste😉 Und empfahl mir die als Notlösung für unterwegs gedachte Handreinigungspaste aus unseren Biking-Guide-Rucksäcken😯

Wir haben das an einem Meeting thematisiert, zumal mein junger Kollege Michi davon noch stärker betroffen und umso glücklicher war, dass ich ihm den Rücken gestärkt habe. Es wurde nicht besser. Immerhin gab Fifty in einem Vieraugengespräch zu, dass er sehr ungeduldig sei. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fragte ich mich bereits, was ich wohl wieder falsch gemacht haben könnte…


Gack, gack, hack, hack

Mir der „Das-musst-du-doch-wissen“- statt „Ich-helfe-dir-gerne“-Einstellung war Fifty nicht allein. Nachdem wir am Anfang alle für unsere Touren benötigten Räder hinausgeschoben hatten, wollte meine Kollegin Simone die im Fahrradraum verbliebenen lieber selbst umhängen, statt mir zu erklären, wie das ging. Wie ich es ohne Erklärung lernen sollte, behielt sie für sich. Dabei war das war banal und dauerte fünf Sekunden.

Auf Madeira freute ich mich darauf, abends nach Funchal in die Stadt zu gehen. Kurz vor 18.00 Uhr verließ ich das Schiff. Aus dem Augenwinkel sah ich auf der Pier ein paar unserer Fahrräder an den Zaun gelehnt. Bevor ich realisierte, wie mir geschah, fiel Simone über mich her: „Du willst jetzt aber nicht wirklich in die Stadt gehen?“ Sie fand, ich hätte wissen und daran denken müssen, dass noch zwei Gruppen unterwegs seien, und warten, bis sie zurückwaren. Auf dem Dienstplan hatte nichts gestanden. Sie wollte mich aus Trotz erst recht in die Stadt schicken, aber ich habe natürlich gewartet, geholfen, auch noch auf die zweite Gruppe gewartet und noch einmal geholfen, während sich einige andere Kollegen gar nicht erst blicken ließen. Erst kurz vor 20.00 Uhr kam ich los. In der Altstadt fand ich ein nettes kleines Lokal mit WLAN und günstigem schwarzen Schwertfisch mit Banane, dazu Poncha, das ortstypische Getränk aus Rum, Honig, Fruchtsaft und Wasser. Muitu bom!

Was heißt „Mahlzeit“ auf portugiesisch?😉

Ich habe eine andere, gutmütige Kollegin auf das Herumhacken angesprochen. Sie sagte, das hätte sie in den letzten vier Jahren auf jedem Schiff erlebt. Ich glaube, ich weiß, woher das kommt: Wir sind ja an Bord ziemlich lange Zeit ziemlich viele Leute auf ziemlich engem Raum. So ähnlich wie Batteriehühner. Auch die hacken aufeinander herum😯 Die gute Nachricht war, dass Simone und Fifty wenig später abgestiegen sind😊


Aufsicht ohne Durchblick

Es dauerte gar nicht lange bis zur nächsten Hackattacke. Denn wenig später wollte Supervisorin Swantje, Fiftys Nachfolgerin, mit mir reden. Sie fragte, wie ich mich im Team sehen würde? Ich konnte mit (fast) allen gut zusammenarbeiten. Sie hingegen fand, dass ich mich nicht ins Team integrieren würde, und das sei bedenklich. Meine Wahrnehmung sei eine ganz andere als die meiner Kollegen. Das ganze Team sei geschlossen gegen mich. Nanu? Kann man sich einbilden, mit seinen Kollegen gut auszukommen? Konkret lauteten die Vorwürfe:

  • Ich schöbe die Gäste von meinem Schalter zu den Kollegen am anderen, 20 m entfernten ab.
  • Ich erschiene immer ein paar Minuten später als meine Kollegen zum Dienst.
  • Nach den Touren verabschiedete ich mich vorzeitig vom Räderschieben und ließe die Kollegen im Stich.
  • Ich reparierte nach der Tour meine Räder nicht, sondern verließe mich darauf, dass die Kollegen das täten. Als ich eines Morgens in den Fahrradraum kam, hing ein Schild mit „Für Stefan :-)“ am Sattel der von mir nicht reparierten Räder. Natürlich ohne Unterschrift.
  • Ich suchte mir am Morgen, wenn die Räder bereitgestellt werden, immer den einfachsten Job aus, nämlich die Räder abzustauben.
  • Und dann machte ich die Fahrräder vor dem Hinausschieben auch noch zu langsam sauber.

Ja, so ein schlechter Teamkollege war ich! Dachte zumindest Swantje. Sie war nur ein paar Wochen Supervisorin gewesen, hatte mich währenddessen gefühlt zweimal gesehen und bezeichnete sich selbst als Außenstehende. Das erklärt denn auch das schiefe Bild, das sie in der kurzen Zeit bekommen hat. Offenbar hatte sie aus wenigen Einzelbeobachtungen falsche Schlüsse gezogen. So wie man ein Mosaik, das erst aus wenigen Steinchen besteht, ganz eigen interpretieren kann. Jetzt verstehe ich, warum Psychologen projektive Persönlichkeitstests mögen. Nicht auszudenken, was Swantje in einem Farbklecks alles erkannt hätte😉


Hintergründig

Swantjes Anschuldigungen waren so absurd, dass es fast schon wieder komisch war:

  • Tatsächlich hatte ich Gäste von meinem Schalter auf Deck 8 immer wieder zu den nahen Kollegen weiterbegleitet, wenn ich ihre Anliegen nicht klären konnte bzw. diese besser Bescheid wussten. Meine Motivation war stets, die Gäste möglichst gut zu beraten.
  • Einige Kollegen waren zwar morgens immer schon vor mir im Fahrradraum, aber ich war fast immer pünktlich. Unter diesen Umständen frage ich mich, warum auf unserem Dienstplan Zeiten standen, wenn diese unverbindlich waren. Wenn Kollege Jörg chronisch zu spät kam, interessierte das keinen. Ich fragte mich, ob ich ebenfalls zu spät kommen sollte, wenn alle übrigen Kollegen das täten…
  • Tatsächlich hatte ich mich einmal vorzeitig vom Räderschieben entschuldigt, weil ich dringend in Santa Cruz noch zur Post musste. Das war sechs Wochen zuvor gewesen. Als ich mehr als einmal von meinen Touren zurückkam, war kein Kollege weit und breit, der mir beim Hineinschieben geholfen hätte, so dass ich alles allein gemacht habe. Für mich kein Problem. Als mein Kollege Michi am Fernsehen unbedingt einen fränkischen Abend sehen und deshalb früher Schluss machen wollte, war ich natürlich sofort einverstanden, seinen Teil zu übernehmen, damit er kein Heimweh bekam😉 Auch beim Durchsuchen des Schiffs bin ich zweimal für verhinderte Kollegen eingesprungen.
  • Einmal quietschte nach meiner Lanzarote-Tour eines der Räder. Ich sagte es meiner Kollegin, die mit einem der ihren das gleiche Problem hatte. Ich schrieb also beide auf das Whiteboard. Bis nach der Tour alles aufgeräumt war, war es 18.00 Uhr. Ich musste mich noch duschen, umziehen und essen und hatte von 19.00 bis 20.00 Uhr wieder Dienst. Ich war so müde, dass ich beinahe im Stehen einschlief, so dass ich nicht mehr an das Rad dachte und auch nicht sicher war, ob ich in meinem Zustand die Bremsen wieder hingekriegt hätte. Am nächsten Tag war großer Passagierwechsel auf Gran Canaria, so dass wir ohnehin nicht alle Räder benötigten. Auch Kollegen ließen immer wieder reparaturbedürftige Räder stehen. Ich habe natürlich bei der nächsten Gelegenheit beide Räder in Ordnung gebracht, obwohl nur eines auf meiner Tour mitgefahren war. Aber das interessierte natürlich wieder keinen.
  • Am Morgen vor den Touren hatte ich alles gemacht: die benötigten Radnummern ablesen, ggf. tauschen, Räder abhängen, bei den Pedelecs Batterien und Displays einbauen, alles prüfen, abstauben und hinausrollen. Ich war da gar nicht wählerisch, sondern habe immer dort mit angepackt, wo Not am Mann war. Wenn andere Kollegen immer die gleichen Aufgaben an sich rissen, hatte ich damit kein Problem. Wie Swantje darauf kam, dass ich mir am liebsten die Hände schmutzig machen würde, hat sie für sich behalten.
  • Dass wir für das Vorbereiten der Räder nie so lange benötigten, wie auf dem Dienstplan vorgesehen, und wir uns manchmal eine halbe Stunde die Beine in den Bauch standen, bis die Pier offen war, schien Swantje ebenso wenig zu kümmern wie die Tatsache, dass die meisten Gäste lieber auf einem sauberen Rad sitzen dürften als auf einem, dem man seine letzte Tour noch ansah. Die Räder konnten in der Kürze der Zeit ohnehin nur sehr oberflächlich saubergemacht werden. Auf die Idee, mir meine Gründlichkeit zum Vorwurf zu machen, musste frau erst einmal kommen. Über zwei Monate später hielt uns mein Chef JP eine Standpauke, weil die Räder beim Hinausschieben nicht sauber waren. Ich glaube, Swantje und JP hätten einigen Gesprächsbedarf😉

Das war aber nicht alles, worüber Swantje und ich uns nicht einig wurden:

  • Unter „Teamgeist“ verstand ich, dass man sich gegenseitig unterstützt, konstruktiv zusammenarbeitet und ein positives Arbeitsklima schafft und nicht die Arbeit anderer Kollegen neidisch überwacht und sich hintenherum beschwert. Was Swantje darunter verstand, weiß ich nicht, aber offenbar etwas Anderes.
  • Sie fand, ich solle mir von den Anderen mehr abschauen. Davon abgesehen, dass ich das seit Jahrzehnten Jahren tat, dachte ich immer, man solle es möglichst besser und nicht schlechter machen.
  • Sie hielt mich für „zu strukturiert“. Was sie nicht davon abhielt, die morgendlichen Abläufe im Fahrradraum streng zu strukturieren und die Quittierung der Rückgabe von Helmen und Rucksäcken einzuführen. Beides wurde kurz nach ihrem Abstieg wieder abgeschafft.
  • Sie meinte, es hätte auch mit meinen „fortgeschrittenen“ Alter zu tun, dass ich nicht mehr so flexibel sei. Ich entgegnete, dass ich nicht an Bord wäre, wenn ich unflexibel sei.
  • Meine Argumente wollte sie gar nicht hören. Gleichzeitig riet sie mir, besser zu kommunizieren. Und ich dachte immer, Kommunikation würde auf Gegenseitigkeit beruhen. Deshalb war ich auch dafür, stets beide Seiten zu hören, bevor man sich ein Urteil bildete. Sie anscheinend nicht.

Außerdem war sie ganz überrascht, als ich ihr sagte, dass ich meinen Job liebte. Dieser Stein wollte so gar nicht in ihr imaginäres Mosaik passen. Sie fragte, ob ich einen neuen Vertrag ins Auge fassen würde, und prophezeite mir, dass mir auf dem nächsten Schiff dasselbe wieder blühen würde. Seltsam nur, dass ich bei TUI mit allen Kollegen hervorragend ausgekommen war. Aber sie sprach ja auch vom nächsten und nicht vom letzten Schiff😉 Außerdem fand sie, ich hätte auf alles eine Antwort. Wenigstens da waren wir uns einig😉

Meine Theorie der Batteriehühner, die aufeinander herumhackten, bewahrheitete sich mal wieder😯 Diesmal freilich ließ ich mir meinen Super-Job nicht verderben. Deshalb nahm ich alles nicht so ernst. Bereits bevor ich zu AIDA gestoßen war, hatte ich im Internet von der „Bordhackordnung“ gelesen, und eine erfahrene Kollegin hatte das ja auch bestätigt. Vorfälle wie dieser waren ja genau der Stoff, aus dem Internet-Blogs gemacht sind😉


Bestanden

Swantje war die Lebensgefährten meines Chefs Mario, von dem ich sehr viel hielt. Drei Tage später hatte ich mein Beurteilungsgespräch mit ihm. Da war meine dreimonatige Probezeit längst vorbei. Er nahm nur indirekt Bezug auf das Gespräch mit ihr, sondern fand lediglich, dass es nicht soweit kommen dürfe, dass Kollegen nicht mehr mit mir auf dem gleichen Schiff fahren wollten. Ich hatte mir bereits gedacht, dass Swantje auch ihm gegenüber Schreckgespenster an die Wand gemalt hatte, fühlte mich aber beinahe geschmeichelt, dass er mich für so wichtig hielt😉 Ich meinerseits kenne den einen oder die andere Kollegin, die meine Entscheidung für oder gegen ein anderes Schiff durchaus beeinflussen könnte😉

Natürlich hatte AIDA zahlreiche Bewertungskriterien. Deutsch und Englisch gehörten nicht dazu. Die Skala war wie folgt: “not adequate”, “to be improved”, “good” und “excellent”. Ich hatte 16mal „to be improved“ und 27mal „good“. Damit konnte ich leben😊 Anders als bei TUI klang es nicht so, als ob AIDA mich loswerden wollte😉

Wenig später sind sowohl Swantje als auch Mario abgestiegen. Sein Chef André hatte uns bereits zwei Wochen zuvor verlassen. Das heißt, dass die ganze Führungsriege innerhalb sehr kurzer Zeit gewechselt hat. Dritter Supervisor wurde Nino, ein Wassersportler. Der nahm zwar auch kein Blatt vor den Mund, hatte aber meistens Recht. Mein zweiter Chef hieß ebenfalls Stefan, blieb nur einen Monat und war sehr umgänglich. Sein Nachfolger war JP. Der sprach ziemlich schnell, war aber ansonsten ebenfalls in Ordnung. Und nicht nur deshalb, weil er mir bei meinem Abstieg eine gute Beurteilung gegeben hat: nur noch zehnmal „to be improved“, 28mal „good“ und fünfmal „excellent“. Shore Excursion Manager wurde Ingo. Der wirkte immer etwas schlecht gelaunt und hat die Essenskostenrückerstattung drastisch eingeschränkt. Offenbar legte er die Vorschriften aus Rostock enger aus als sein Vorgänger😳


Der Wikinger

Die Anforderungen von AIDA ein gepflegtes Äußeres waren in den letzten zwei Jahren stark vermindert worden, vermutlich aufgrund Personalmangels. So waren inzwischen auch Piercings, sichtbare Tätowierungen, seltsame Frisuren und grelle Haarfarben erlaubt. Abgesehen von seinem Vollbart und dem Ringelschwanz auf seinem Kopf (!) machte Mathias, ein Kollege aus der Wassersport-Abteilung, immer einen ausgesprochen grimmigen Eindruck. Wer ihn nicht kannte, wollte ihm nicht im Dunkeln begegnen. Als Gast hätte ich ihn auch nicht als Tourguide haben wollen😉

„Kuck mal, was es bei AIDA alles gibt!“

An unseren Hafentagen bauten wir im Terminal oder auf der Pier das sogenannte Setup auf. Das waren je nach dem zwei Fahrräder, ein Scuddy, ein E-Scooter, ein Stehpaddel-Board, eine Golftasche, ein Schnorchel-Set, Rucksäcke, Helme und vier Flaggen mit Ständern. Einmal sollte ich mit Mathias das Setup wieder abbauen. Ich wusste nicht, wie man die Flaggen aus den Ständern bekam. Er hätte es mir natürlich leicht zeigen können, so wie ich das an seiner Stelle getan hätte, entschied sich aber für: „Ich hatte mal einen Kollegen, der hat auch nichts gebacken gekriegt.“ Als ich unseren Rollwagen etwas näher an einen Fuß brachte, meinte er barsch: „Lass ihn stehen, das spielt doch keine Rolle!“ Warum regte er sich dermaßen auf, wenn es egal war?

Einmal war ich, aber nicht er auf dem Dienstplan für die Inventur von Helmen und Rucksäcken eingetragen. Bei den ersteren drängte er sich völlig unnötig dazwischen. Nachdem wir damit fertig waren, herrschte er mich im NVA-Kommandoton an: „Stefan, Rucksäcke!“ Ich gab zurück: „Zu Befehl!“ Er maßte sich auch an, mir sagen zu wollen, wo ich durchgehen sollte, und ob ich die Räder beim Hineinschieben abstellen sollte oder nicht.


Das schwimmende Krankenhaus

Nach kaum zehn Tagen auf hoher See wurde ich just beim ersten Besuch in der „Time Machine“ seekrank. An jenem Abend ließ ich mir das ansonsten vorzügliche Essen in zwei Teilen noch einmal durch den Kopf gehen, und zwar rückwärts😳 Ich glaube, Zeitreisen bekommen mir schlecht😉

In der Biskaya drohte mir dasselbe Schicksal, diesmal zum Glück ohne Übergeben. Im Bordhospital mehr als ein Dutzend anderer Patienten mit demselben Leiden. An diesem Tag war ich krankgeschrieben. Dass ein Schiff selbst unserer Größenordnung mal rollt, ist unvermeidlich. Aber dass es auch stampft und krängt, hätte ich nicht gedacht. Meine Kollegen haben mich damit beruhigt, dass man sich daran gewöhne. Handkehrum konnte man landkrank werden, wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hatte, weil der Gleichgewichtssinn dann daran gewöhnt ist, die Schwankungen auszugleichen.

Wie auch einige andere Kollegen war mein Mitbewohner René einmal am Kränkeln. Er sagte, laut unserer Bordärztin seien im Januar 1.200 von 1.500 Besatzungsmitgliedern im Hospital gewesen. Auch ich war durch den Luftzug auf Fuerteventura eine Woche lang erkältet. Einen Abend lang verlor ich meine Stimme fast vollständig😯


AIDAnoro, oder: Code Red

Aber das war noch gar nichts. Denn wenig später kam eine neue Kollegin von ihrer ersten eigenen Tour zurück und berichtete, ein Gast, dessen drei Mitbewohner krankheitsbedingt abgesagt hatten, hätte unterwegs erbrochen. Sein Rad und sein Helm wurden desinfiziert und abgeduscht. Eine zweite Kollegin berichtete, im Klettergarten sei dasselbe passiert. Andere erzählten, sie würden von Gästen ständig nach dem Weg zum Bordhospital gefragt, und dieses sei voll. Manche Gäste weigerten sich, das Krankenhaus aufzusuchen, entweder weil sie sich nicht anstecken oder keine 80 € für eine zweiminütige Ordination bezahlen wollten. Als Jörg sich am Kopf gestoßen hatte und ins Bordhospital wollte, wurde er weggeschickt, weil dieses voll mit Gästen war. Es standen Stühle für die Wartenden bis ins Treppenhaus. 400 Gäste waren am Norovirus erkrankt. Das bedeutete AGE-Stufe (akute Gatroenteritis) rot. Da mussten Maßnahmen ergriffen werden:

  • Die Gäste wurden per Kabinenbrief beim Check-in, per Aufruf über die Bildschirme und per Lautsprecherdurchsage dazu angehalten, ihre Hände zu waschen und zu desinfizieren.
  • Am Eingang der Crew-Messe stand ein Mitarbeiter mit einer Sprüh-Desinfektionsflasche und eine weitere Station zur Handdesinfektion.
  • Wir wurden unsererseits abgestellt, die Hände der Gäste an den Restaurants mit Desinfektion einzusprühen.
  • Wir durften nicht mehr in Gästerestaurants essen und das Gästefitnessstudio nicht mehr benutzen.
  • In den À-la-carte-Restaurants wurde Selbstbedienung eingeführt.
  • Der Klettergarten wurde „aus operativen Gründen“ vorübergehend vollständig geschlossen.
  • Ebenso die Shops, wenn auch nur für einen Tag.
  • Die Schwimmbäder wurden kurzzeitig trockengelegt.
  • Unsere Schalter mussten wir jede Stunde desinfizieren.
  • Die Handgriffe und Sättel der Räder, die Rucksäcke und die Helme wurden nach jeder Tour desinfiziert. Bei 50 Rädern konnte das zu dritt schon mal dauern. Auf Fuerteventura („Insel des starken Windes“) auf der zugigen Pier herrschten Windgeschwindigkeiten von 40 km/h.
  • Ich wurde mit drei Kollegen zum Mitternachtsputzen im Shop eingeteilt. Das erfuhr ich zwei Stunden vorher. Ort des Geschehens war die Parfümerie. Jede einzelne Packung im Regal sollte mit dem Drei-Eimer-System dekontaminiert werden: Seifenwasser, klares Wasser, Desinfektion. Wir kamen nicht voran. Um 2.00 Uhr traf Verstärkung ein, um 2.10 Uhr hieß es, nur noch mit Desinfektionsmittel, und fünf Minuten später waren wir fertig. Angeblich. Wenn man das Mittel an den Packungen vorbeitrug, wirkte es nicht😉 Am nächsten Tag schlief ich bis 12.00 Uhr. Am Nachmittag war ich für drei Stunden zum Desinfizieren in unserer Boutique eingeteilt😯
„Wie schreibt man nochmal ‚hygienisch‘?“ – „Keine Ahnung. Schreib einfach ‚operativ‘!“😉

Weil wir zwei Wechselhäfen hatten, konnten die bleibenden Gäste die Erreger wie in einer Stafette an die Neuankömmlinge weitergeben. Die AIDAblu fuhr im Indischen Ozean drei Monate lang rot. Ein Wunder, dass sie noch Besatzungsmitglieder hatte😉 Bei anderen Schiffen wurden sämtliche Gäste bereits kostenlos, aber nicht freiwillig an Land verfrachtet, damit das Schiff desinfiziert werden konnte. Bei uns ging das nicht, weil zu groß😯 Nach einigen Wochen gab sich das Virus geschlagen, und wir konnten wieder zum Normalbetrieb zurückkehren😊 Zumindest für einige Zeit. Zwei Tage vor meinem Abstieg waren wir wieder auf Stufe rot. Das hätte wirklich nicht mehr sein müssen😞


Gefahr auf drei Rädern

Unsere Scuddys sahen cool aus und machten sehr viel Spaß. Auf Madeira durfte ich damit nicht nur eine, sondern gleich zwei Touren an einem Tag fahren. Mein Chef Stefan dachte, ich hätte das bereits getan, aber ich saß an jenem Tag tatsächlich zum ersten Mal auf so einem Ding. Immerhin kannte ich die Route bereits von der Schnupper-Radtour. Vor der ersten Runde machte ich auf der Pier eine Probefahrt von 50 m. Kein Problem. Zwei Gäste fehlten, und wir konnten sie telefonisch nicht erreichen. Also fuhren wir ohne sie los.

Macht Spaß … solange niemand stürzt😉

Zuerst war beim Scuddy eines Gastes der hintere Reifen platt. Reparatur unterwegs unmöglich. Zum Glück hatte ich einen Scout-Kollegen als Schlussmann mit dabei. Der Gast hat seinen Scuddy übernommen. Den defekten haben wir zusammengeklappt und den Kollegen damit ins Taxi zum Hafen gesetzt.

Weiter ging es. Aber nicht viel weiter, denn da stürzte eine Dame, die mir berichtet hatte, dass sie sehbehindert sei, als sie vom Fußgängerstreifen links auf die Straße einbog. Passiert ist zum Glück nichts. Noch nicht. Erst im Santa-Catarina-Park, bereits kurz vor Ende der Tour. Die anderen fuhren alle rechts die Rampe für Rollstuhlfahrer hinunter, nur die sehbehinderte Frau nicht. Ich stand bereits unten, lief ihr entgegen, um ihr zu bedeuten, sie möge rechts fahren, aber als sie die drei Stufen der Treppe sah, gab sie erst recht Gas statt zu bremsen, und ließ auch den Lenker nicht los, so dass das Gefährt sie die Treppe mit hinabriss. Sie blutete im Gesicht. Ich wollte erste Hilfe leisten, aber konnte nichts tun, und ihr Partner tupfte ihr mit Papiertaschentüchern das Gesicht ab. Nach dem ersten Schock brachten er und ich sie zur Hauptstraße, und ich winkte ein Taxi herbei. An Bord besuchte sie das Hospital. Im Arztbericht stand, ich sei schuld gewesen, weil ich sie nicht auf die Treppe hingewiesen hätte, und sie wollte meinen Unfallbericht nicht unterschreiben, weil ich darin geschrieben hatte, dass ich ihr entgegengelaufen war, um ihr die Rampe zu zeigen… Natürlich traf ich wegen des Unfalls auch mit Verspätung beim Schiff ein und hatte keine Zeit mehr zum Mittagessen.

Bei der zweiten Tour um 11.30 Uhr fehlten sogar gleich fünf Gäste. Dafür waren die beiden fehlenden von der ersten Tour mit dabei. Natürlich hatte ich meine Gäste bei der Einweisung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der rechte Bremshebel für die Scheibenbremsen an den Vorderrädern ist und diese sehr griffig sind, so dass sie stets beide Hebel betätigen sollten. Eine ohnehin etwas unsichere Frau zog bei der ersten kleinen Abfahrt kräftig am rechten Bremshebel. Ihr Scuddy überschlug sich, und die Halterung für den Lenkerkorb brach ab. Ihre größte Sorge galt ihrer Brille, die sich darin befunden hatte und zum Glück heil geblieben war. Sie hatte sich nur den Ellbogen etwas aufgeschlagen. Ich desinfizierte die Wunde und klebte ein Pflaster darauf. Sie wollte nicht, dass ich einen Unfallbericht schrieb, aber das war nun mal Vorschrift. Sie hatte noch eine zweite Scuddy-Tour mit uns gebucht. Die haben wir prophylaktisch storniert. Ein Plattfuß und drei Stürze an einem Tag!

Da war es nur noch eine Frage der Zeit bis zum ersten schweren Unfall mit den Scuddys. Und tatsächlich: Keinen Monat später musste ein Gast mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus😦

Als ich auf dem Computer unseren Ordner mit den Unfallberichten sah, fiel mir auf, dass zwei Drittel der Verunfallten Frauen waren😮 Und dabei ist die Dame, die die Soft-Tour auf Gran Canaria mit mir fuhr, noch gar nicht mitgezählt. Zuerst fand sie, sie hätte zu wenig Luft im Reifen. Dann beschwerte sie sich, die Schaltung würde nicht richtig funktionieren. Schließlich fuhr sie beim Yachthafen gegen eine geschlossene Schranke😂 Seitlich davon wäre genug Platz gewesen, um durchzufahren, aber wer nicht in Einerkolonne mit Sicherheitsabstand fährt… Ihr und dem Rad ist zum Glück nichts passiert. Die abgefallene Schranke haben wir schnell wieder dranmontiert, und sie funktionierte auch wieder.


Recht (oder) zufrieden

Aber zurück nach Madeira. Als ich von meiner zweiten Scuddy-Tour kurz vor 15.00 Uhr zurückkam, standen da die fünf fehlenden Gäste. Die Abfahrtszeiten hatten sich geändert, und wir hatten das den Gästen nicht mitgeteilt. Mein Chef Stefan stellte sich auf den Standpunkt, dass die Gäste sich am Vorabend über Änderungen selbst informieren müssten. Auch wenn er formaljuristisch gesehen Recht haben mag, waren die Gäste natürlich trotzdem sauer. Ich finde, wer 50, 70 oder gar 90 € für einen Ausflug bezahlt, der dürfte über Änderungen des Startzeitpunkts durchaus auch benachrichtigt werden. Ich hätte mich sogar für das Verteilen der Kabinenbriefe zur Verfügung gestellt.

Unser Schiff war ja ticketlos. Das hieß, die Gäste mussten sich selbst über das Bordportal, über die interaktiven Bildschirme in den Treppenhäusern oder über die myAIDA-App über die Startzeiten und Treffpunkte ihrer Ausflüge erkundigen. Beim Nachschlagen auf den öffentlichen Bildschirmen verschwanden die Ausflüge schon nach wenigen Sekunden wieder, so dass man die Seite ständig von Anfang an wieder neu wählen musste. Nicht immer funktionierte die Technik, und nicht alle fanden das gut, am wenigsten die ältere Generation. Vielleicht ist AIDA diesbezüglich der Zeit etwas zu weit voraus.

„Können Sie mir sagen, wann mein Ausflug losgeht?“ – „Welchen Ausflug haben Sie denn gebucht?“ – „Keine Ahnung!“


Vom Winde verweht

In meinen letzten Wochen an Bord fuhr die AIDAnova über Cádiz und Málaga ins Mittelmeer. Nach einer morgendlichen Erkundungstour fuhr ich nachmittags mit Gästen. In der Stadt tanzte der Bär. Menschenmassen wälzten sich durch die engen Gassen. Aber es klappte alles. Am Strand luden mich Gäste sogar zum Essen ein. Und danach gab es ein fettes Trinkgeld von 25 €😮 Auf meiner ersten Tour in Málaga!

Während der als wild geltende Atlantik vier Monate ausgesprochen zahm gewesen war, wurde es im Mittelmeer ziemlich schnell rau. Unsere Route war eigentlich Barcelona – Palma de Mallorca – Seetag – Civitavecchia – La Spezia – Marseille – Seetag – Barcelona. Zuerst konnten wir wegen Windstärke 10 nicht in Barcelona landen. Die Gäste, die dort absteigen sollten, wurden am Vorabend innerhalb von zwei Stunden in Valencia von Bord gebracht und bei Nacht und Regen in Busse nach Barcelona verfrachtet. Das lief ziemlich chaotisch ab. Die in Barcelona aufsteigenden Gäste wurden nach Palma de Mallorca geflogen, wo wir einen Tag früher als geplant anlegten. Ein Riesenaufwand😮

Das gab uns die Gelegenheit, die Tour zu erkunden. Meine Kollegin Sabrina scheuchte in einer der engen Altstadtgassen eine Taube auf, so dass sie unserem neuen Kollegen direkt vors Vorderrad geriet. Ich fuhr neben ihm und hörte die Knochen brechen. Da hätte auch erste Hilfe nichts mehr gebracht😮

In La Spezia brachten wir zuerst alle Räder auf die Pier, bevor alle Radtouren wegen Regens abgesagt wurden. Das wäre auch umgekehrt gegangen😉 Unsere Erkundungsfahrt fand trotzdem statt. Als Michi einmal unvermittelt bremste, fuhr ihm Sabrina hinten auf und stürzte😮 Ihr ist nichts passiert, aber ihr Hinterrad war so stark verbogen, dass man das Rad nicht einmal mehr schieben konnte.

Künstlerpech…

Kollege Dominik „Düsentrieb“ bog die Felge wieder so weit zurecht, dass sie die restlichen 35 km mit dem eiernden Rad weiterfahren konnte😊 Als wir über vier Stunden und jeweils eine Pizza später zum Schiff zurückkamen, waren wir alle bis auf die Knochen durchnässt😞

Ein paar Tage später erneut starker Wind, diesmal vor Marseille: Wir wären zwar noch in den Hafen hinein-, aber nicht mehr herausgekommen. Deshalb ließen wir die Stadt aus und legten einen Tag früher in Barcelona an. Natürlich mussten alle Ausflüge storniert werden. Auf die Schnelle konnten wir in der katalanischen Hauptstadt nur vier Ausflüge für 380 von 6.400 Gästen organisieren. Immerhin konnten wir so auch hier unsere Radtouren erkunden.

Dann war der Roma-Express mit 150 unserer Gäste auf der Rückfahrt nach Civitavecchia aufgrund eines Personenschadens (sprich Suizids) verspätet😦 Zunächst sollten die betreffenden Gäste in einem Hotel untergebracht und mit Bussen zum nächsten Hafen, La Spezia, gebracht werden. Dann aber trafen immer mehr von ihnen doch noch ein, und selbst wenn wir mit Höchstgeschwindigkeit gefahren wären, hätten wir am nächsten Morgen La Spezia nicht mehr rechtzeitig erreicht, weil wir in Civitavecchia die „Clearung“ seitens der Hafenbehörden nicht schnell genug erhielten und ein MSC-Schiff (ausgerechnet!) in dem engen Hafen den Weg zu unserem Liegeplatz blockiert hätte. Deshalb wollten wir ganz langsam nach La Spezia tuckern und am 30. April abends eintreffen, ohne zu wissen, ob wir am 1. Mai überhaupt dort liegen konnten, weil wir so spät abends niemanden mehr von den Hafenbehörden erreichen konnten.

Am nächsten Morgen war wieder alles über den Haufen geworfen. Wir ließen La Spezia aus, weil die Hafenbehörden am 1. Mai nicht arbeiteten und wir gar nicht hätten landen können, und erreichten sowohl Marseille als auch Barcelona einen Tag früher. Das heißt, alle Ausflüge für La Spezia mussten storniert und neu gebucht werden. In Marseille wurden nicht nur sämtliche Radtouren, sondern auch alle Busausflüge in die Stadt abgesagt, weil Gelbwesten-Proteste zu erwarten waren und wir die Sicherheit unserer Gäste nicht gewährleisten konnten. Mit Hochdruck wurden Ersatzausflüge geplant. Entsprechend groß der Andrang der Gäste. Kein Wunder verfehlten wir unsere finanziellen Ziele einmal mehr.


Die Last mit den Kraftwagen

Das Veranstalten von Radtouren für Kreuzfahrtgäste ist ein gewisser, um nicht zu sagen großer Aufwand: verkaufen, einbuchen, Kabinenbriefe verteilen, Radlisten führen, Helm- und Rucksackausgabe, Räder hinausschieben, Einweisung, Ausrüstungsrücknahme, Räder zurückschieben, warten und reparieren. Aber es kommt noch dicker. In Civitavecchia, La Spezia und Barcelona durften wir aus Sicherheitsgründen im Hafen nicht radfahren. Das bedeutete, dass wir alle Räder nicht nur auf die Pier schieben, sondern auch noch in jedem Hafen zweimal täglich in einen LKW ein- und wieder ausladen mussten. Hineinstopfen trifft es besser. Ich musste dieses mühsame Prozedere nur noch ein paar wenige Male mitmachen. Umso mehr bedauere ich meine Kollegen, die diese Arbeit noch während Monaten vor sich haben😯

Aua, das tut doch weh!😳

Deshalb wollte ich bei der ersten Landung in Civitavecchia nicht unbedingt mit auf die Radtour nach Rom. Mein junger Kollege Michi hingegen schon. Dafür hatte er keine Lust, die Gäste in die Busse zu verfrachten und stundenlang am Schalter zu stehen. Also haben wir unseren Chef JP gefragt, ob er einverstanden sei, dass wir tauschten. War er. So weit, so gut. Aber dann:

  • JPs Chef Ingo war über den Tausch gar nicht erfreut, weil ich eine Woche später, als ich nach Rom kam, Michi aber bereits abgestiegen war, die Tour nicht kannte. Dabei war ich bereits mit TUI in Rom gewesen, und dort hatten wir außerdem lokale Guides.
  • JPs Kollegin Cati war ebenfalls ziemlich erbost, weil die Dienstpläne bis zum Kapitän gingen und er wissen sollte, wo wir sind. Es klang beinahe so, als ob der uns persönlich kennen würde und nichts Anderes zu tun hätte, als unsere Dienstpläne zu kontrollieren😉
  • Dann wurde wegen schlechten Wetters auch noch eine Bustour am nächsten Tag abgesagt, so dass die Kollegin, die mich am Schalter ablösen sollte, Kabinenbriefe schreiben musste und ich vier statt drei Stunden dort stand. Nach einer statt zwei Stunden Pause gleich noch einmal drei Stunden. Mit „stehen“ meine ich nicht sitzen😞

Aber für Michi würde ich es jederzeit wieder tun😉 Und beim Zurückschieben der Wagen für die Ausrüstung vom Busparkplatz fand sich in einer Kunststoffkiste ein nicht abgeholtes Imbisspaket im Wert von 6,90 €. Ich konnte nicht zulassen, dass es in falsche Hände geriet😉

Nach meinem Abstieg wurde ich nicht ersetzt. Das heißt, meine Abteilung war unterbesetzt. Deshalb sollten meine Kolleginnen und Kollegen nicht mehr ihre tatsächlichen Arbeitsstunden erfassen, sondern die nach Dienstplan vorgesehenen. Ich denke nicht, dass das jemand tun wird, aber allein die Anweisung halte ich für sehr bedenklich😞


Bitte ändern

Wie beschrieben war ich genauso wie die meisten Gäste mit AIDA zufrieden. Aber eben, wie an Land klappt auch auf so einem Schiff nicht immer alles. Wenn man woanders etwas besser machen wollte, hatte das schon mal nach „Vergiss es!“ geklungen😉 Deshalb wurde ich hellhörig, als unser Shore Excursion Manager Ingo bei einer Sitzung verlauten ließ, Verbesserungsvorschläge seien stets willkommen. Nun, dem Manne kann geholfen werden:

  • Prüft eure Bewerber auf ihre soziale Kompetenz, bevor ihr sie einstellt.
  • Macht mit neuen Fahrzeugen vor dem ersten Einsatz einen Härtetest. Dann merkt ihr schnell, wie gefährlich Scuddys und wie unsicher E-Scooter sind.
  • Übernehmt bei Konflikten auf dem Dienstplan die Verantwortung, statt sie auf die Leidtragenden abzuschieben.
  • Schreibt alle benötigten Felder auf eure Formulare.
  • Gebt euren Bikern entweder kostenlose Vesperpakete mit, erstattet ihnen eine Essenskostenpauschale für jede Tour ab 4 Stunden, oder legt zumindest Plastiktüten in die Crew-Messe, mit denen man seinen Imbiss offiziell hinausbringen darf.
  • Schafft die Zuckerriegel ab und gebt den Gästen statt leeren schadstoffhaltigen Flaschen lieber gefüllte 1-l-Wasserflaschen.
  • Lasst die Gäste am Morgen eine halbe Stunde vor Tourenbeginn in den Gepäckbereich kommen, macht die Ausrüstungs- und die Fahrradausgabe dort, und lasst die Gäste nach der Tour die Räder auch wieder dorthin zurückschieben.
  • Oder schreibt das Räderschieben nach den Touren wenigstens mit einer Stunde auf den Dienstplan der betreffenden Kollegen.
  • Stellt die Temperatur in der „Kühlkammer“ (dem Fahrradraum) höher ein. Die Wassersport-Gäste müssen sich dort ausziehen, um die Neoprenanzüge anzuprobieren, und manchmal kommen wir nass bis auf die Knochen von unseren Touren zurück.
  • Baut in den Fahrradraum ein Waschbecken ein und stellt eine Sandseife hin.
  • Sorgt dafür, dass in den ersten 15 Minuten jeder Stunde, wenn wir die Einweisungen im Klettergarten machen, im Four Elements keine Veranstaltungen mit Mikrofon beziehungsweise Lautsprecher stattfinden.
  • Stellt die Rollläden im Klettergarten fertig.
  • Wascht die Klettergurte öfter.
  • Gebt den Klettergarten an das Four Elements und Minigolf an die Sportys ab.
  • Stellt Barhocker an den Schalter auf Deck 6 und an die Pilze auf Deck 8.
  • Schafft den Verkauf von Busausflügen durch Activity Guides und denjenigen von Aktivtouren durch Scouts wieder ab.
  • Druckt den Gästen papierne Buchungsbestätigungen für ihre Ausflüge aus.
  • Bringt eure Informatik auf Vordermann, damit es keine On-Hold-Buchungen mehr braucht.
  • Informiert die Gäste von euch aus über geänderte Ausflugszeiten und ob sie Ausflüge nun mitmachen können oder nicht, wenn sie „on hold“ oder auf der Warteliste sind.
  • Scannt die Pendelbus-Gäste beim Ein- und nicht beim Aussteigen.
  • Sagt den neu aufgestiegenen Gästen per Lautsprecher, dass sie nicht vor 21.00 Uhr zur Sicherheitsübung loslaufen sollen.
  • Schreibt die Sammelplätze mit den dazugehörigen Decks im Klartext auf die Rettungswesten und an die Kabinentüren.
  • Wenn nicht alle in ein Rettungsboot passen, nehmt ein Rettungsfloß von der gleichen Schiffsseite.
  • Bestellt in allen Häfen zwei LKWs oder einen Sattelschlepper.
  • Seid ein bisschen großzügiger mit den Spesen. Für eure Aktionäre ist das ein Klacks. Für eure Mitarbeiter ein Zeichen von Wertschätzung.
  • Erhöht lieber die Gehälter, statt den Leuten mit „alles was über 106% liegt, wird verdoppelt“ Sand in die Augen zu streuen.
  • Wenn ihr unterbesetzt seid, doktert nicht an der Zeiterfassung herum, sondern erhöht die Gehälter, damit ihr genug Besatzungsmitglieder bekommt.
  • Verlängert die Zeit, bevor eine einmal angewählte Seite auf den öffentlichen Bildschirmen wieder verschwindet.
  • Spielt die richtige Software auf, damit die dienstliche Kommunikation auch über die Diensthandys erfolgen kann.
  • Bringt im vorderen Treppenhaus auf Deck 5 eine große „5“ an.
  • Stellt den gesunden Menschenverstand über Hierarchie und Bürokratie.
  • Führt deutsch als Bordsprache ein😉


Auf AIDAsehen!

Auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten ist spannend und aufregend. Kein Tag ist wie der andere. So ein Schiff ist eine eigene kleine Welt. Da gibt es hundert verschiedene Berufe: Kellner, Gastgeber, Köche, Zimmermädchen, Kinderbetreuer, Fitnesstrainer, Elektriker, Schauspieler, Fernsehtechniker, Musiker, Rezeptionisten, Maschinisten, Verkäufer… Alle diese Tätigkeiten sind an Bord spannender als an Land.

Allerdings kommen die Kolleginnen und Kollegen aus diesen Bereichen nur selten an Land, und wenn, dann nur kurz. Meine Scout-Kollegen hatten es da schon besser. Sie mussten ja die Ausflüge kennen, die sie verkauften. Leider waren auch sie immer weniger auf Ausflügen und immer mehr an Bord. Wer auf einem Schiff arbeiten und etwas von der Welt sehen möchte, muss Activity Guide werden. Aber nicht im Klettergarten😉 Als Biker habe ich gutgelaunten Gästen zu schönen Erlebnissen verholfen, wofür sie froh und dankbar waren, habe mich bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen aus eigener Kraft durch schöne Landschaften bewegt, habe fremde Länder und neue Orte kennengelernt und mit netten und hilfsbereiten Kollegen zusammengearbeitet😊

Wohl wahr…

Meine Zeit an Bord war tatsächlich sehr intensiv. Auf einem Schiff arbeitet man nicht nur, sondern man lebt dort. Das heißt, es ist Arbeit, Freizeit, Hobby, (Ersatz-)Familie und soziales Umfeld in einem. Mir hat dieses Leben gefallen. So sehr, dass ich meinen Vertrag nicht nur erfüllt habe, sondern mich bei dem Gedanken ertappt habe, mich nach einem geeigneten Schiff für einen neuen Vertrag umzusehen. AIDA hat mir tatsächlich einen angeboten😊

Nach dem Sinn fragt man besser nicht

Ein Sommer bei Thomas Cook auf Mallorca


Der Weg zum Job

Alle Jahre wieder … erscheinen sie, die Stellenanzeigen, in denen der Reisekonzern Thomas Cook mit dem Slogan „Arbeiten im Ausland“ neue Mitarbeiter sucht (siehe http://www.thomascook.de/unternehmen/karriere/ausland/). Worum geht es? Mit dem Beginn der Sommersaison wird Verstärkung für drei verschiedene Positionen gebraucht:

  • Reiseleiter, der „Klassiker“. Sie treffen die Urlaubsgäste im Hotel, informieren sie über Sehenswürdigkeiten, verkaufen Ausflüge und kümmern sich um die kleineren und größeren Probleme an rund 80 Urlaubsorten.
  • Administratoren. Sie arbeiten an denselben Urlaubsorten eng mit den Reiseleitern zusammen und organisieren Hotel- und Flughafentransfers, Ausflüge und die Besuchszeiten der Reiseleiter in den Hotels.
  • Connected Service. Hierbei handelt es sich um das Kontaktcenter als ersten Ansprechpartner und „virtuelle Reiseleitung“ der Gäste. Ich war sieben Monate Connected Consultant und werde im Folgenden berichten, was ich dabei erlebt habe.

Um einen Job zu bekommen, muss man sich wie überall bewerben und wird in der Regel zu einem Assessment eingeladen. Dafür muss man eine kurze Präsentation über ein Urlaubsziel vorbereiten und vor Ort halten. Man macht eine kleine Gruppenarbeit mit anderen Bewerbern und führt die üblichen, allerdings ziemlich kurzen Einzelgespräche. Die Erfolgsaussichten sind ziemlich gut.

„Arbeiten, wo Andere Urlaub machen“ klingt schon mal gut. In der Tat ist das sehr reizvoll: Vor oder nach der Arbeit mal eben zum Strand, Thomas-Cook-Ausflüge kostenlos mitmachen, Wochenendausflüge in die Berge, Citytrips nach Lissabon, Barcelona oder Athen…

Dabei darf man nicht vergessen, dass Administratoren und Connected Consultants einen 40-Stunden-Bürojob haben, der sich nicht groß von zu Hause unterscheidet. Nur die Reiseleiter kommen während der Arbeitszeit hinaus.


Die Schnellbleiche

Bevor es losgeht, bekommt man erst einmal eine Schulung, d.h. einen neuntägigen Kurs im etwas heruntergekommenen ***-Hotel Mercure in Bolton, England.

Dort soll man die zig Computersysteme lernen, die Thomas Cook verwendet. Einige Beispiele:

  • AC7 (Condor/Thomas-Cook-Flüge)
  • Coosto (WhatsApp-Applikation)
  • Document and Invoice Viewer (Buchungsunterlagen aufrufen)
  • FiBi (Service-Anfragen und -Angebote)
  • Matsoft und Cview (Beschwerdeerfassungssysteme)
  • NanoRep (interne Suchmaschine)
  • Nurvis (Mainframe-Buchungssystem)
  • OnTour mit OnTour Reports (Buchungsdaten)
  • POMS (Flugstatus)
  • Six Saferpay (Kreditkartenzahlungen)
  • Smads (Fernreisebuchungen)
  • Storm (Call-Center-System)
  • Traveller Portal (Abholzeiten)

Ein Kurzkurs reicht für so viele Programme natürlich nicht aus, zumal bei der Hälfte davon die Logins nicht funktionierten.

Der Connected Service hat drei Standorte: Palma de Mallorca, Heraklion auf Kreta und Faro an der Algarve. Man kann zwar Präferenzen angeben, wo man arbeiten möchte, aber die Entscheidung liegt bei der Firma, und man erfährt sie erst am Tag vor dem Abflug. Manche Kollegen haben gleich gekündigt, weil sie ihren Wunschort nicht erhalten haben. Am Zielort angekommen gibt es eine weitere Woche Training, die ebenfalls nirgends hinreicht. Ohne hilfsbereite erfahrene Kollegen, allen voran „Connected Superwoman“ Magda aus Polen, wäre man verloren. Erst nach zwei Monaten kann man einigermaßen selbstständig arbeiten.


Im Niedriglohnsektor

Thomas Cook schickt seine Mitarbeiter nicht ohne Hintergedanken ins Ausland: Das Gehalt eines Connected Consultants liegt bei gerade mal 1.245 € brutto, aufgeteilt in 945 € Grundlohn und 300 € pauschale Kommission. Netto bleiben davon noch rund 1.150 € übrig. Für Sprachkenntnisse und Erfahrung gibt es brutto jeweils 100 € zusätzlich. Das Training in Bolton zählt zwar zur Arbeitszeit, wird aber nur mit dem Grundlohn vergütet. Das sind für diese neun Tage 286 €, ebenfalls brutto. Und selbst die bekommt man erst ausbezahlt, wenn man bis Ende des Vertrags durchhält. Administratoren liegen noch tiefer. Das Gehalt der Reiseleiter hängt maßgeblich von ihren Verkaufsumsätzen ab. Entsprechend hoch ist der Verkaufsdruck. In Deutschland, geschweige denn in der Schweiz würde niemand für so wenig Geld arbeiten. Man hat schweizerische Arbeitsverträge, was die relativ niedrigen Abzüge erklärt und der Firma steuerliche Vorteile bringt. Unsere britischen Kollegen hatten Verträge nach englischem Recht und waren auch nicht besser bezahlt.


Absteigen

Ein Grund für das bescheidene Gehalt liegt darin, dass Thomas Cook die Wohnungen zur Verfügung stellt. Manche haben Schimmel, sind heruntergekommen oder haben nur Fenster zu einem düsteren Lichtschacht. Es erstaunt nicht, dass einige Kollegen sofort nach der Ankunft wieder gekündigt haben. Andere Wohnungen haben kein WLAN. Innen darf nicht geraucht werden. Wer sich nicht daran hält, darf vorzeitig zurückfliegen. Um die Verpflegung muss man sich selbst kümmern. Eine Kollegin, die das nicht wusste, nahm das zum Anlass zu gehen. Eine andere, die gerne mal ein Glas zu viel trank und dann sehr aggressiv wurde, erhielt ihr Rückflugticket ziemlich schnell.

Die Wohnungen in Palma sind über die ganze Stadt verteilt. Manche Kollegen hatten einen Arbeitsweg von einer Stunde pro Richtung. Ich hatte Glück, dass ich eine ziemlich schöne Wohnung bekam, von der aus ich zu Fuß in einer Viertelstunde auf der Arbeit war.

Unser brandneues Bürogebäude am nördlichen Stadtrand von Palma war erst zwei Wochen vor unserer Ankunft bezogen worden.

Einige Wochen später war die feierliche offizielle Eröffnung mit allerlei Thomas-Cook-Prominenz. Unmittelbar danach begann die Sanierung der Fassade auf zwei Seiten und die Reparatur von Türklinken und Toilettensitzen…

Aber ich schweife ab. Die Kollegen in Faro wohnen recht nahe am dortigen Büro. In Heraklion ist man in drei Gebäuden im 7 km entfernten Ammoudara untergebracht. Mit dem Bus, der im Winter nur im Stundentakt verkehrt, ist man zweimal fast eine Stunde unterwegs. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es keinen Busfahrplan gibt und man somit immer mit einem großen zeitlichen Puffer an der Haltestelle sein muss. Ich hatte meinen Micro-Scooter mitgenommen, rollerte unabhängig vom Busfahrplan in 40 Minuten ins Büro und fiel nur zweimal auf die Nase. Ideal wäre ein Fahrrad.

In Palma und Faro teilt man sich die Wohnungen mit Kollegen. In Ammoudara hatte zumindest jeder sein eigenes Apartment. Allerdings in verschiedenen Komfortstufen. Im „Kleopatra“ wird anscheinend auch im Winter nur vier Stunden pro Tag geheizt. Wer warm duschen will, muss eine halbe Stunde vorher den Boiler einschalten und danach wieder abschalten, damit die Sicherung nicht hinausfliegt. Es versteht sich von selbst, dass nicht jeder Kollege mit diesen Dritte-Welt-Zuständen zufrieden war, sondern lieber nach Hause flog, wie mein Kollege Joachim aus Franken. Das „Manolis“ hingegen ist sehr komfortabel.

Natürlich laden viele Kollegen ihre Freunde und Verwandten ein, bei ihnen Urlaub zu machen. Thomas Cook verlangt dafür 10 € pro Nacht. Zumindest theoretisch, denn niemand meldet seine Besucher freiwillig an. Das führt zu Verheimlichung, Denunziation, Misstrauen und Frust. Nach dem Sinn fragt man besser nicht.


Wir Wanderarbeiter

Alle drei Standorte sind für alle Thomas-Cook-Reiseziele auf der ganzen Welt zuständig. Theoretisch könnten alle Connected Consultants von einem zentralen Ort aus arbeiten. Warum also die Verteilung auf drei Arbeitsorte mit allen damit verbundenen Reibungsverlusten und Koordinierungsproblemen? Weil wir als Multi-State-Worker maximal 183 Tage pro Jahr an einem Staat verbringen dürfen, um dort nicht steuerlich ansässig zu werden. Wer länger bleiben und einen lokalen Arbeitsvertrag möchte, kann zwar einen bekommen, verdient aber gleich wenig und muss seine Wohnung selbst bezahlen. Die meisten ziehen es deshalb vor, alle sechs Monate weiterzuziehen.

Weil in der Wintersaison wesentlich weniger Arbeitskräfte benötigt werden als im Sommer, laufen die Verträge sechs oder sieben Monate. Nicht jeder möchte danach weitermachen, und Thomas Cook macht auch nicht jedem, der im Winter arbeiten will, ein neues Angebot. Die Fluktuation ist enorm. Es versteht sich von selbst, dass der ständige Know-How-Abfluss und die aufwendige Einarbeitung der Newbies höchst ineffizient sind.


Garstige Gäste

Die Arbeit selbst ist sehr abwechslungsreich. Kein Tag ist wie der andere. Jeder Gast, der sich bei uns meldet, hat ein Anliegen. Häufig ist es ganz einfach, z.B. die klassische Abholzeit vom Hotel für den Flughafentransfer. Manche wollen einen Ausflug buchen, andere einen Mietwagen. Umständlicher wird es, wenn Gäste früher zurückfliegen oder länger bleiben wollen. Viele beschweren sich über ihr Hotel. Entweder weil es für sie keine Reservierung hatte, weil es überbucht war, weil sie nicht die gebuchte Zimmerkategorie erhalten hatten, oder weil sie mit den Standards, dem Restaurant oder dem Service nicht zufrieden sind. Es gibt aber auch sehr ausgefallene Wünsche oder Beschwerden. Die sind dann oft unfreiwillig komisch. Nachfolgend eine kleine Auswahl:

  • Tochter und 84jähriger Vater ließen an ihrem Hotel in Paphos, Zypern, kein gutes Haar. Wir haben sie mit großem Aufwand umquartiert. Das neue Hotel gefiel ihnen besser, aber die Anlage war sehr weitläufig, so dass der alte Herr sich verlief und sie ins alte Hotel zurückwollten. Leider war dieses inzwischen ausgebucht.
  • Auf Mallorca beschwerten sich Gäste über Kanadier im Zimmer über ihrem: Die würden nachts um 1.00 Uhr betrunken zurückkommen, schreien, streiten, Türen zuschlagen und vom Balkon urinieren.
  • Gäste auf Kuba hatten allerlei Probleme. Ich habe also das Hotel angerufen. Die Verbindungsqualität war noch schlechter als die Englischkenntnisse meiner Gesprächspartner. Nachdem ich den Sachverhalt dreimal erklärt hatte, wollten sie wissen: „When are you coming?“ Kollegen, die pflichtgemäß angaben, für welche Firma sie arbeiteten, wurden auch bereits gefragt: „Your name is Thomas?“
  • Ein 69jähriger Gast in Hurghada, Ägypten, wurde von seiner Familie als vermisst gemeldet, bevor er quicklebendig in seinem Hotelzimmer wieder aufgefunden wurde, wo er nur seine Ruhe haben wollte.
  • Gäste auf Mallorca hatten ihr Hotel aufgrund des Wellnessbereichs mit Sauna ausgesucht und gebucht, der jedoch geschlossen war, so dass sie sich bei uns beschwerten. Just zu jener Zeit hatten wir in Palma eine Hitzewelle. Wozu sie bei 40°C Außentemperatur eine Sauna brauchten, wussten wohl nur sie selbst.
  • Dann rief eines Tages ein übereifriger Zollinspektor an. Eigentlich wollte er nur fragen, wann der Reiseleiter in seinem Hotel sei, verriet dann aber, dass er einen schweren Fall von Steuerhinterziehung melden wolle, weil Small Planet (eine inzwischen insolvente Fluggesellschaft aus Litauen) in Malaga einen Zwischenhalt auf dem Weg nach Fuerteventura eingelegt hätte, um dort steuerbegünstigt zu tanken. Er forderte uns auf, dem binnen 48 Stunden ein Ende zu setzen. Ich wollte ihn an unsere Geschäftsführung oder an die Rechtsabteilung verweisen, aber als ich nach seiner Reiseauftragsnummer fragte, legte er unvermittelt auf.
  • Auch schleichen sich immer wieder Betrüger ein. Die Masche ist stets dieselbe: Sie buchen einen ziemlich teuren Urlaub, geben falsche Daten an, vereinbaren Zahlung per Lastschrift und fliegen so kurzfristig ab, dass sie bereits am Urlaubsort sind, wenn die Lastschrift mangels Deckung zurückgeht. Meist kommen wir ihnen rechtzeitig auf die Schliche, weil sie besonders dreist sind oder weil bei ihren Geschichten nichts zusammenpasst.
  • Dann war da noch die Hotelmanagerin in Bulgarien, die unseren Gästen aufgrund ihrer Beschwerde den Ausgang zeigte, unter anderem deswegen, weil sie gleich alt wie ihr Sohn waren. Ich dachte, ich höre nicht recht. Meine Ankündigung, dass ich meine Vorgesetzten darüber in Kenntnis setzen müsste, beeindruckte sie nicht. Ebenso wenig wie eine Mitteilung an unseren Qualitätsmanager vor Ort. Erst als ich andeutete, dass wir ihr Hotel aus unserem Katalog streichen könnten, knallte sie den Hörer auf.
  • Ein Schweizer Anwalt beschwerte sich, dass der Rotwein in seinem *****-Hotel in Dubai „wie Glühwein“ schmecken würde. Ich konnte mir die Aussage, wonach ich nicht in ein arabisches Land fliegen würde, um Wein zu trinken, nicht verkneifen. Zum Glück hat er mich nicht verklagt. Aber er meinte natürlich, wir würden noch von ihm hören.
  • Ein junges Paar samt einjährigem Kleinkind hatte all-inclusive in den Niederlanden gebucht. Ihre Wahl war auf dieses Hotel gefallen, weil im Katalog keine Einschränkungen bezüglich der Ausschankzeiten alkoholischer Getränke standen. Die gab es „erst“ ab 12.00 Uhr, obwohl die Bar bereits um 10.00 Uhr öffnete. Es fiel mir schwer, ernst zu bleiben.
  • Gäste weigerten sich, in ihr gebuchtes Hotel in Paris einzuchecken, weil an den Wänden Bilder von halbnackten Frauen hingen.
  • Gästen auf Bali ging das Gras aus. Sie fragten uns, wie sie an Nachschub kämen.
  • Ein Gast beschwerte sich, dass er sein Hotelzimmer wie international üblich am Abreisetag um 12.00 Uhr räumen musste, aber erst um 22.00 Uhr vom Transferbus zum Flughafen abgeholt wurde. So etwas hätte er noch nie erlebt. Mir rutschte heraus, dass er das noch öfter erleben würde. Er wollte sich über mich beschweren und legte den Hörer auf.
  • Von unseren nordischen Kollegen schnappte ich den Fall auf, bei dem das Zimmermädchen sich jeweils einen Schluck aus der Schnapsflasche der Gäste gönnte. Diese hatten nach dem ersten Verdacht kaum sichtbare Markierungen an der Flasche angebracht.
  • Und dann war da noch der Tennis-Profi, der für sein 13jähriges Patenkind einen Reiturlaub im Tirol gebucht hatte. Als die beiden ankamen, mussten sie feststellen, dass es nur ein Pony gab, und auch das nur für eine Stunde am Tag. Wir haben Tränen gelacht.
  • Unser Allzeit-Favorit war jedoch: „Wir hatten ein Zimmer mit zwei getrennten Betten gebucht. Sie haben uns eines mit einem Doppelbett gegeben. Jetzt bin ich schwanger!“


Nicht nett

Natürlich gab es immer wieder Grenzfälle, in denen wir entscheiden konnten, ob wir den Gästen aus Kulanz entgegenkamen oder nicht. Ich dachte, dass nette Gäste eher eine Entschädigung erhalten sollten als Polterer. Weit gefehlt: Wer am lautesten schrie, wurde am besten bedient. Deshalb der Ratschlag an alle Thomas-Cook-Gäste, die sich auf diese Seite verirrt haben: Macht so viel Radau wie möglich! Geld gibt es zwar meistens nicht, aber Gutscheine für die nächste Reise. Man will den Gästen damit einen Anreiz geben, erneut mit Thomas Cook/Neckermann/Bucher/Öger Urlaub zu machen.

Was nicht immer klappt, so wie bei der Frau, die sich wunderte, dass ihr Gutscheincode bei der Buchung nicht funktionierte. Nach ihrem Urlaub wandte sie sich an uns. Sie hatte zwar in einem Thomas-Cook-Reisebüro gebucht, aber eine ITS-Reise. Viele Gäste verstanden den Unterschied zwischen Reisevermittler und Reiseveranstalter nicht.


Computer in Zeitlupe

Für ein Kontakt-Center ist die IT das A und O. Umso erstaunlicher war es deswegen, mit welcher Ausstattung wir arbeiten mussten. Die PCs in Palma benötigten endlos lange zum Hochfahren. Wir mussten deshalb jeden Tag 10 Minuten vor Schichtbeginn auf der Arbeit sein. Ähnlich lief es am Schichtende: Rief kurz zuvor noch ein Gast mit einer Beschwerde an, musste ein Cview-Fall angelegt werden (siehe unten), was gut und gerne 10 Minuten in Anspruch nahm. Das heißt, man macht im Durchschnitt eine Überstunde pro Woche. Natürlich unbezahlt. Vorzugsweise nachmittags verfielen die PCs immer wieder in den Bummelstreik-Modus.

In Heraklion standen genau die gleichen Computer. Interessanterweise waren sie dort mindestens doppelt so schnell. Aber das änderte nichts daran, dass irgendein Programm immer streikte oder ein Login nicht funktionierte.

Weil alle drei Standorte dieselben Mailadressen verwenden, muss Outlook über einen Exchange-Server synchronisiert werden. Das dauert manchmal über eine Stunde, was dazu führen kann, dass die gleichen E-Mails teilweise doppelt beantwortet werden.

Unser wichtigstes Programm war die Call-Center-Applikation Storm, die häufig abstürzte. Ihre besondere Spezialität war es, Endlosschleifen zu produzieren. Sie sollte irgendwann abgelöst werden, so dass nichts mehr in die Programmpflege investiert wurde. Ein Nachfolgesystem war nicht in Sicht, so dass wir damit weiterarbeiten mussten.


Programmfehler

Cview, eine Microsoft-Dynamics-365-Applikation, war mein „Lieblingsprogramm“. Es war von Entwicklern für Entwickler geschaffen und funktionierte teilweise entgegen jeglicher Intuition. Dabei haben sich diese Entwickler tatsächlich gewisse Gedanken gemacht. Leider die falschen: Sie gingen nämlich davon aus, dass jede unserer Destinationen ein Location Office hätte, und haben diese deswegen als Muss-Feld definiert. Allerdings haben wir davon nur rund 80. Das bedeutete, dass wir für die übrigen keine Beschwerdefälle erfassen konnten. Nachdem ich das der IT-Abteilung gemeldet hatte, sollte ich nun für alle weltweit rund 1.600 Urlaubsorte das Location Office angeben. Mal abgesehen, dass ich dafür nicht zuständig war, wäre das neben meiner täglichen schon recht stressigen Arbeit völlig unmöglich gewesen. Obwohl ich versucht hatte, es mit „I am afraid I am unable to do so“ sanft zu verpacken, war die Cview-Verantwortliche Suzie in England “not amused” und beschwerte sich bei meinem Vorgesetzten. Irgendwann kam man darauf, für alle Destinationen ohne Location Office „Connected“ einzugeben, und wir konnten weiterarbeiten.

Was die Suche nach „Location“ (gemeint war die Region) nicht einfacher machte. Wer auf Google Maps und in der Wikipedia schon einmal die Provinzen von Kroatien oder Mauritius gesucht hat, weiß, wovon ich schreibe. Dabei wäre es einfach gewesen, diese zusammen mit dem Hotel in der Datenbank zu hinterlegen. Dummerweise fehlte immer wieder eines. Dann konnten wir keinen Fall erfassen, sondern mussten die IT informieren. Nach ihrem Rüffel habe ich Suzie nicht mehr cc: informiert.

Bei Matsoft, dem Vorgängerprogramm, konnte man den Urlaubsort nicht als Freitext eingeben, sondern nur aus dem vorgegebenen Menü auswählen. Darin war Panama nicht vorgesehen, und unsere dortigen Gäste konnten nicht wissen, dass sie in ihrem Urlaub keine Probleme haben durften. Auf Geheiß meiner Vorgesetzten habe ich die nächstgelegene Destination gewählt. Das war in diesem Fall Mexiko. Unsere dortigen Kollegen beschwerten sich prompt, dass die Kunden in Panama seien…


Sinnlos einheitlich

Der große Vorteil des Connected Service für die Urlaubsgäste liegt darin, dass er 24 Stunden täglich sieben Tage die Woche in mehreren Sprachen auf zahlreichen Kanälen erreichbar ist. Wir sprachen Englisch, Deutsch, Französisch, Niederländisch, Polnisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Gäste konnten den Connected Service per Telefon, SMS, E-Mail, WhatsApp, Live-Chat, Facebook, Facetime und Skype erreichen.

Die letzteren drei ermöglichten auch optischen Kontakt. Darin lag der Grund, warum wir Thomas-Cook-Uniformen tragen mussten. Wir waren ca. 90 Consultants an drei Standorten. Jeder benötigt fünf komplette Uniformen, alle in der passenden Größe. Abgesehen von den Kosten, die man besser für eine Gehaltserhöhung eingesetzt hätte, ist das ein großer logistischer Aufwand. Manche Kollegen haben ihre Uniformen oder Teile davon erst in der zweiten Halbzeit bekommen. Waschen und bügeln mussten wir sie selbst. Wer das zu heiß macht, muss Schadensersatz leisten.

Im November 2018 wurden Facebook, Facetime und Skype aufgrund der mangelnden Nachfrage eingestellt. Das bedeutet, dass kein Urlaubsgast mehr einen Connected Consultant auf dem Bildschirm, Tablet oder Smartphone sehen kann. Die Uniformpflicht wurde trotzdem beibehalten. Begründung: Auch unsere Kollegen am Flughafen und unsere Reiseleiter müssten ihre nach wie vor tragen, und „We are one Thomas Cook.“ Nach dem Sinn fragt man besser nicht.

In Uniform darf man in der Öffentlichkeit weder rauchen noch trinken. Ein Kollege kam direkt von der Arbeit noch in Uniform zu einer Party, einer privaten wohlgemerkt. Sein Pech, dass jemand Bilder von ihm gemacht hat. Noch mehr Pech, dass diese anschließend ohne sein Wissen auf Facebook landeten. Damit war die Party nicht mehr ganz so privat. Alle diese Probleme könnte man durch die Abschaffung der Uniformpflicht ganz einfach lösen.


Ab von der Rolle

Weil der Connected Service 24 Stunden täglich erreichbar ist, arbeitet man in Schichten, natürlich auch an Wochenenden und nachts. Die Dienstpläne (Rotas) werden in der Regel zwei Wochen vorher erstellt. Mehr als einmal wurden sie anschließend geändert, ohne dass wir benachrichtigt worden wären. Ich bekam vormittags Anrufe und Nachrichten, warum ich nicht im Büro sei. Glücklicherweise konnte ich mit Handyfotos nachweisen, dass meine ursprüngliche Schicht später gewesen war. Wer die Änderungen vorgenommen und publiziert hat, ohne sie zu kommunizieren, hat man nie herausgefunden.

Innerhalb des Connected Service gibt es verschiedene Rollen:

  • Triage (Telefon)
  • Social (E-Mail, SMS, WhatsApp, Skype usw.)
  • Investigation (Abklärung schwieriger Fälle)
  • Product Bank (Ausflüge und Transfers) und
  • Signature (Thomas Cook Finest Selection).

An jedem Standort arbeiten zwei Manager. Die sind größtenteils in Ordnung, können aber nicht viel bewegen. Mein Chef war Nicolas, Franzose und ein erfahrener Call-Center-Manager, der erst Anfang 2018 zu Thomas Cook gestoßen war. Ohne seine Unterstützung wäre ich wohl kaum so lange bei der Firma geblieben. Er schlug mich aufgrund meiner gepflegten Ausdrucksweise für Signature vor. Zuerst hatte ich nichts dagegen. Allerdings beinhaltet Signature sowohl Triage als auch Social und Investigation. Das heißt, man wird ständig von Anrufen und WhatsApp-Nachrichten unterbrochen, wenn man einem Gast eine Mail schreiben will. Das wäre ja schlimm genug, wenn nicht ständig Bucher- und Neckermann-, also Nicht-Signature-Kunden anrufen würden. Unsere Campingplatz-Gäste zählten aus unerfindlichen Gründen ohnehin zu Signature. Nach dem Sinn fragt man besser nicht.

Das ist aber immer noch nicht alles, denn unser vierköpfiges Signature-Team sollte sich auch noch um die Mailbox kümmern, über die wir mit den Reisebüros kommunizierten, und zwar für alle Gäste. Es war der reinste Gemischtwarenladen. Und niemand konnte unsere wiederholte Frage beantworten, ob wir Bucher-, Neckermann- und Öger-Gäste selbst bearbeiten oder an unsere Kollegen von der Mainline abgeben sollten. Diese hatten ihrerseits keine Hemmungen, uns die Signature-Gäste zu übergeben, die sich zu ihnen verirrt hatten.

Weil man die Signature-Gäste besonders zuvorkommend behandeln will, erhalten sie Willkommens-E-Mails. Zumindest manche von ihnen, nämlich diejenigen, die bei der Buchung ihre E-Mail-Adresse angegeben haben und an zwölf ausgewählten Destinationen Urlaub machen. Der Text ist in jedem Fall identisch, abgesehen von der Anrede und dem Urlaubsziel in der Betreffzeile „Freuen Sie sich auf Ihren Urlaub auf/in …!“ Sofern wir dazu kommen, verschicken wir täglich 30 bis 60 dieser Mails, was mindestens eine bis zwei Stunden dauert. Es wäre ein Leichtes gewesen, dieses Prozedere zu automatisieren und auf alle Zielgebiete auszuweiten. Wir haben dies immer wieder angemahnt. Passiert ist nichts.

Und weil es von allem noch eine Steigerung gibt: Ich war allein auf Signature, als sich ein Kollege aus Faro krankmeldete, um sich in Sevilla zu amüsieren. Da hatte ich auch noch die französischsprachigen Gäste an der Backe. Das Telefon stand nicht mehr still, was andere Gäste nicht davon abhielt, gleichzeitig WhatsApps und E-Mails zu schicken. Ich wäre beinahe ausgerastet und bat Nicolas dringend, von dem Signature-Durcheinander entbunden zu werden. Ein Kollege hätte zwar gerne übernommen und hat im Gegensatz zu mir eine einwöchige Einweisung bekommen, aber ich war bis zuletzt zu Signature verurteilt. Nach dem Sinn fragt man lieber nicht.

Nur einmal hat mich der belgische Manager Steve in Heraklion gefragt, welche Rolle ich am nächsten Tag übernehmen wollte. Der WhatsApp-Tag war der schönste seit Monaten.

Auch bei den Daily Roles stehen jeweils die Schichtzeiten dabei. Die basieren auf den Rotas. Aber wenn die Rota geändert wurde, steht da für den gleichen Tag schon mal 7.00 bis 15.30 Uhr und bei den Daily Roles 12.30 bis 21.00 Uhr. Es gab kaum eine Woche, in der alles gestimmt hat. Mein Mitbewohner Martin sollte neun Tage hintereinander ohne Pause arbeiten. Er hat sich sogleich ins schweizerische Arbeitsrecht vertieft und herausgefunden, dass sieben Tage das gesetzlich zulässige Maximum waren. Auf seine dahingehende Nachfrage erhielt er zur Antwort, dass der erste Tag ja noch Training gewesen sei und deshalb nicht zählte. Erst auf seine neuerliche Beschwerde bei Nicolas wurde seine Rota geändert, und er hat sich als Kompromiss mit acht einverstanden erklärt. Gegangen ist er trotzdem nach zwei Monaten, weil er in diesem Chaos nicht mehr arbeiten mochte. Damit war er nicht der Einzige.


Falsche Anreize

Natürlich will Thomas Cook, dass wir die Gäste möglichst gut zufriedenstellen. Dafür hat sich irgend jemand, der vermutlich lieber nicht genannt werden will, ein ausgefeiltes System überlegt: Ruft ein Gast an, soll man ihn bitten, nach dem Ende des Gesprächs nicht gleich aufzulegen, sondern drei Fragen zur Servicequalität zu beantworten (Survey). Bei WhatsApps und E-Mails soll man einen personalisierten Link zur Online-Umfrage mitsenden. So weit, so gut. Allerdings fragt man auch hier lieber nicht nach dem Sinn:

  • Die drei Fragen sind weitgehend deckungsgleich. Eine würde völlig ausreichen. Man nötigt also den Gast, der ja angerufen hat, auf seine Kosten unnötig lange in der Leitung zu bleiben. Analoges gilt für Gäste mit einem Internet-Volumentarif.
  • Erschwerend hinzu kommt, dass kein Consultant einen unzufriedenen Gast jemals um die Beantwortung der Fragen bitten würde. Das Feedback ist somit alles andere als repräsentativ, sondern völlig verzerrt.
  • Dann gibt es noch das „First call resolution“-Prinzip: Man soll das Problem des Gastes bereits beim ersten Anruf lösen. Das bedeutet oftmals, dass man den Anrufer in die Warteschleife setzt, während man die Transfer- oder die Ausflugsabteilung anruft. Natürlich wieder auf Kosten des Gastes. Nur damit er an der wertlosen Umfrage teilnehmen kann. Ich habe es deshalb immer vorgezogen, den Gast zurückzurufen. Dann ist zwar der Service besser, aber die Beantwortung der Fragen nicht möglich.
  • Es gibt ein Zückerchen, das die Consultants zu dem gewünschten Verhalten bewegen soll: Wer eine Antwortquote von mindestens 6,5% und davon 80% positive Rückmeldungen erreicht, soll einen Bonus von 65 € pro Monat bekommen. Ich tat also entgegen meinem Gewissen wie geheißen, aber die 65 € habe ich nicht erhalten. Also nachgefragt: Die beiden Werte allein würden nicht ausreichen, sondern man müsse zusätzlich mindestens 25 bzw. 40 Rückmeldungen (Social bzw. Triage) erreichen. Signature war Triage gleichgestellt. Ich fühlte mich vera-, äh -äppelt. Später wurde die letzte Information widerrufen. Bekommen habe ich den Bonus trotzdem nie. Auf die Idee, diesen kontinuierlich auszugestalten statt nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip, kam offenbar niemand.

Zuerst hieß es, die Fragen zur Servicequalität seien freiwillig, aber dann stieg der Druck immer weiter.


Thomas Cook is watching you

Die Vorgesetzten überwachen sämtliche Aktivitäten der Consultants beinahe lückenlos. Daraus berechnen sie verschiedenste Kennzahlen, die jeweils auf dem Huddleboard fein säuberlich notiert werden:

  1. die Anzahl erhaltener Surveys
  2. der Anteil der positiven Surveys
  3. die Anzahl erhaltener Anrufe
  4. die durchschnittliche Gesprächsdauer
  5. die „Utilisation“
  6. die „Availability”
  7. die „Inbound to outbound call ratio“
  8. der Anteil der „Completion codes“
  9. die durchschnittliche Antwortzeit

Punkte eins und zwei sagen wie beschrieben kaum etwas aus. Ich habe auch nach sieben Monaten noch nicht begriffen, ob bei den Punkten drei bis sieben höhere oder tiefere Werte besser sind. Nach dem Sinn fragt man besser nicht.

Lediglich beim achten Punkt ist ein solcher erkennbar. Zumindest grundsätzlich. Nach jedem erhaltenen Anruf erscheint auf Storm ein Auswahlmenü, aus dem man die zutreffende Kategorie auswählen soll, z.B. Beschwerde, Mietwagen, Abholzeit, Ausflug usw. Natürlich hat sich Thomas Cook wieder einige Dinge überlegt, um die Idee ad absurdum zu führen: Die Rubriken sind nämlich weder alphabetisch noch logisch angeordnet. Für viele Anrufe gibt es überhaupt keine passende Kategorie. Um einen möglichst hohen Anteil von Completion codes zu erreichen, gibt man in solchen Fällen einfach das Erstbeste ein, was die Aussagekraft nicht wirklich erhöht. Unnötigerweise erscheint das Auswahlmenü nicht zuoberst, sondern nur innerhalb des Storm-Fensters. Wer es nicht zuvorderst hat, muss es erst einmal aktivieren. Wer nicht sofort daran denkt, hat Pech gehabt, weil es aus nicht nachvollziehbaren Gründen nach 20 Sekunden wieder verschwindet. Später wurde die Beantwortungszeit auf 30 Sekunden verlängert. Dass es auch anders geht, zeigen SMS: Die erscheinen zwar ebenfalls nicht als Pop-up, bleiben aber unbegrenzt lange auf dem Storm-Schirm. Das ist sozusagen das andere Extrem, denn solange eine Nachricht unbeantwortet ist, kann man nicht einmal seinen Status ändern, also z.B. auf „Post-call work“, „Available (internal only)“, „Break“, „Huddle/Meeting“ oder „Restroom“ wechseln. Ein Programm, das darüber bestimmt, wann man die Toilette aufsuchen darf… Nach dem Sinn fragt man besser nicht.

Ach ja, und da ist noch Punkt neun, die durchschnittliche Wartezeit der Anrufer. Die sollte weniger als eine Minute betragen. Unsere Werte lagen öfter darüber als darunter. Natürlich lässt kein Consultant die Gäste unnötig warten. So gesehen sind lange Antwortzeiten eher ein Anzeichen für Personalmangel als für schlechte Arbeit unsererseits. Auch wenn Thomas Cook aus durchschaubaren Motiven versucht, uns das Gegenteil weiszumachen. WhatsApps sollten innerhalb einer, E-Mails innerhalb von drei Stunden beantwortet werden. Manchmal war das beim besten Willen nicht zu schaffen.

Natürlich wird auch genau erfasst, wann sich jemand in Storm eingeloggt hat. Wer das ein paarmal zu spät tut, bekommt ziemlich früh ein Rückflugticket.


Gute Laune, schlechter Ausflug

Nun ist Thomas Cook nicht irgendwer, sondern einer der größten Reiseanbieter in Europa mit 11 Millionen Gästen jedes Jahr. In den meisten Fällen verlaufen deren Reisen ohne größere Zwischenfälle. Das muss beinahe erstaunen, wenn man bedenkt, dass die Firma nicht einmal einen kleinen Katamaran-Ausflug für ihre Mitarbeiter organisieren kann. Die Absicht war durchaus gut gemeint: Mit einer „Mid-season jolly“ sollten wir bei Laune gehalten werden. Aber ach: Zuerst wurde der Starttermin von 15.00 auf 18.00 Uhr verlegt und die Dauer von fünf auf zweieinhalb Stunden verkürzt, weil der Betreiber von „Magic Catamaran“ offenbar wichtigere Gäste hatte als unsereins.

Auf unserer Einladung stand, wir sollten Getränke und Snacks mitbringen. Kaum an Bord mussten wir vom Personal erfahren: „You cannot rent a bar and bring your own drinks.” Ich hätte schwören können, dass wir einen Katamaran und keine Bar gemietet hatten. Auf mein Drängen hin wurde der Firmeninhaber vom Handy aus angerufen. Die Frage, ob ihm eine schlechte Bewertung im Internet lieber sei, hat er sinngemäß bejaht. Die hat er denn auch bekommen. Und zwar nicht nur von mir (siehe https://www.tripadvisor.de/ShowUserReviews-g187463-d6864894-r608491245-Magic_Catamarans-Palma_de_Mallorca_Majorca_Balearic_Islands.html).

Thomas Cook breaks contracts

Immer wenn meine Kollegen über die oben geschilderten Zustände geklagt und nach meiner Meinung gefragt haben, erhielten sie zur Antwort: „Das ist Thomas Cooks Problem, nicht deines.“ Das sollte sich ziemlich rasch ändern. Während der Schulung in Bolton wurde uns als Beispiel für schlechten Service das Musikvideo „United Breaks Guitars“ gezeigt, das der Country-Sänger Dave Carroll produziert hatte, nachdem die genannte Fluggesellschaft sein Musikinstrument beschädigt hatte (siehe https://youtu.be/5YGc4zOqozo). Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass Thomas Cook Verträge bricht.

Ich habe in meinem Leben schon für ein Dutzend Firmen gearbeitet. Alle haben es geschafft, mein Gehalt jeden Monat pünktlich und vollständig zu bezahlen. Thomas Cook nicht. Zuerst fehlte mein Nachtschichtzuschlag. Aber das war nur der Anfang. Dann kamen sie auf die Idee, mir meine pauschale Kommission für meine Wochenenden, freien Tage und Urlaubstage abzuziehen. Angeblich ein Programmfehler. Im September nachträglich für Mai? Meine Kollegen berichteten mir, dass sie verschiedenste Gehaltsbestandteile nicht oder immer wieder zu spät bekommen hätten. Sowohl diejenigen mit schweizerischen als auch diejenigen mit englischen Arbeitsverträgen, die ihr Gehalt aus Peterborough erhielten. Mein Manager Nicolas war ebenfalls davon betroffen. Kein Wunder, dass er seinen Vertrag nicht verlängert hat. Er drohte mit dem Friedensrichter, woraufhin er eine sofortige Nachzahlung erhielt. Seine Manager-Kollegin hingegen, die Slowakin Natalia, erklärte mir, dass sie selbst seit drei Jahren, seit sie für Thomas Cook arbeitete, „payment issues“ hätte, aber schlussendlich hätte sie immer alles bekommen, was ihr zugestanden hätte. Sie wollte mich damit beruhigen, hat aber eher das Gegenteil erreicht. Schließlich hat Thomas Cook es sogar geschafft, mein Gehalt im Oktober zu spät zu überweisen, weil sich am 1. Juli angeblich die Vorschriften geändert hätten. Seltsam nur, dass die Zahlungen im Juli, August und September pünktlich eingetroffen waren.

Irgendwann fiel mir auf, dass sämtliche Abrechnungsfehler stets zu unseren Ungunsten waren. Und dass nicht alle Kollegen bei ihren Gehaltsabrechnungen den Durchblick hatten. Wer kann schon mit „Sachbezugswert“, „Dispo“ oder „fester Vorlage“ etwas anfangen? Die Dunkelziffer dürfte also noch wesentlich höher liegen.

Das war nicht nur ein Zeichen erschreckender Unfähigkeit, ein Ausdruck von Geringschätzung und ein Vertrauensverlust, was schon schlimm genug wäre, sondern auch ein ganz klarer Vertragsbruch.


Wir wehren uns

Wenn ein Angestellter zu spät kommt, gegen Vorschriften verstößt oder schlecht arbeitet, hat die Firma ein ganzes Instrumentarium von Disziplinarmaßnahmen bis hin zur fristlosen Kündigung bereit. Was kann ein Arbeitnehmer tun, wenn der Arbeitgeber seine Verpflichtungen mit Füßen tritt? Nicht viel. Ich habe per E-Mail protestiert. Die Antwort war ein wachsweicher Standardtext, wonach man den Vorfall bedauere und für den nächsten Monat Abhilfe versprach.

Darauf mochte ich mich nicht verlassen, und wie sich zeigen sollte, zu Recht. Bei einigen Kollegen betrug die Verspätung mehrere Monate. Um meiner Unzufriedenheit Nachdruck zu verleihen, bin ich vorsätzlich ohne Uniform zur Arbeit erschienen und forderte auch meine Kollegen über unsere WhatsApp-Gruppe auf, es mir gleichzutun. Wer trägt schon gerne die Uniform eines Arbeitgebers, der einen so behandelt? Alle außer meinem belgischen Kollegen Corentin und mir. Ich dachte, ein solch symbolischer Ausdruck von Unzufriedenheit würde seitens meines Arbeitgebers in Anbetracht seines Verschuldens zähneknirschend akzeptiert. Immerhin hätte ich auch das Betreibungsverfahren gegen die Thomas Cook Service AG, meine Vertragspartnerin in der Schweiz, einleiten können. Da ich aus jenem Land kam, wäre mir das nicht besonders schwergefallen. Und es wäre tatsächlich besser gewesen, ich hätte das getan. Dann wären die Verantwortlichen mit Sicherheit aufgewacht.

Aufmucken verboten

Mit meiner Uniformverweigerung hatte ich offenbar einen Nerv getroffen. Die Schwedin Eva, Resort Managerin und Nicolas‘ Chefin, lud mich zu nicht weniger als drei Vieraugengesprächen, in denen sie eine erstaunliche Inkompetenz an den Tag legte:

  • So versuchte sie, mich mit „But you have received most of your salary?” zu überzeugen. Das war natürlich die falsche Tonart. Hätte ich den größten Teil meiner Arbeit machen und den Rest einen Monat später nachholen sollen?
  • Dann wollte sie mich mit „If it is so urgent, we can give you a cash advance.” besänftigen. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass es nicht um Bedürftigkeit, sondern ums Prinzip ging. Ich habe dann tatsächlich einen Barvorschuss in Höhe der Differenz erhalten, und nicht nur einmal. Damit waren allerdings nur die Symptome kuriert und nicht die Ursachen.
  • Noch schlimmer war ihre FBI-artige Verhörmethode: Mit wem ich diesbezüglich gesprochen hätte? Dass ich auch mit Kollegen in Faro und Heraklion in Kontakt stand, dürfte sie kaum beruhigt haben. Offenbar sah sie mich als Aufwiegler.
  • Als sie merkte, dass sie damit nicht weiterkam, zwang sie mich, über Mittag nach Hause zu gehen, um mich umzuziehen. Wer ohne Uniform im Büro erscheine, hätte nicht „the right state of mind for working“. Offenbar hatte sie vergessen, dass einige Kollegen ihre Outfits noch gar nicht erhalten hatten, wir an den Wochenenden ganz offiziell ohne Uniform arbeiten durften und unsere Leistungen kaum wesentlich schlechter sein dürften. Für mich hängt die richtige Einstellung nicht von der Bekleidung ab, sondern von einer positiven Arbeitsatmosphäre, von einem motivierenden Chef und einem vertrauenswürdigen Arbeitgeber. Dennoch hatte sich meine Einstellung am Nachmittag tatsächlich geändert. Aber anders als von Eva beabsichtigt. An diesem Abend sah ich nämlich den Moment gekommen, um über Thomas Cook die folgende Bewertung zu publizieren: https://www.kununu.com/de/thomas-cook-service-deutschland/a/SkBoUlxxdg%3D%3D.
  • Ich erwähnte die Möglichkeit eines Internet-Blogs. Auch das verhalf Eva nicht zur Einsicht, fragte sie doch, ob ich ihr drohen wollte. Damit gab sie eher unfreiwillig zu, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte und dass ihr nur zu bewusst war, dass nicht alles mit rechten Dingen zuging.
  • Kurz darauf musste ich mit Entsetzen erfahren, dass Eva sogar versucht hatte, Einblick in unsere private WhatsApp-Gruppe zu nehmen. Das war ein klarer Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU, die just einige Tage zuvor in Kraft getreten war und auf deren strikter Einhaltung gerade sie immer wieder bestand. Deswegen sah ich mich veranlasst, ihren Verstoß an den Datenschutzbeauftragten von Thomas Cook in Peterborough zu melden, cc: an Dr. Jürgen Heiss, den Group Head of Quality, Connected Service, IT & Digital Development and Logistics in der Zentrale in Oberursel. Ich bin nicht sicher, ob das ihrer Karriere förderlich war.


Du vertraust uns? Dein Pech!

Wer ein halbes Jahr im Ausland verbringt, will und muss ein bestimmtes Quantum an Gepäck mitnehmen. In meinem Fall waren das zwei Koffer, jeder maximal 23 kg schwer, insgesamt also 46 kg. Ich konnte damit auf Thomas Cooks Kosten für die Schulung mit Eurowings über Hamburg nach Manchester fliegen und von Liverpool mit EasyJet an meinen ersten Einsatzort Palma de Mallorca.

Sechs Monate später war der Rückflug von Palma angesagt. Ich dachte eigentlich, es sei selbstverständlich, dass ich auf dem Rückflug gleich viel Freigepäck hätte wie auf dem Hinweg. Nicht bei Thomas Cook. Diesmal gewährte man mir nur 30 kg. Nach dem Sinn fragt man besser nicht. Ich habe es trotzdem getan und erfahren: „It’s Thomas Cook policy.“ Und zwar schon seit Jahren. Seltsam nur, dass Amy, Justin und Karon von der Personalabteilung in Peterborough das nicht wussten, als sie mir ein halbes Jahr zuvor für drei Flüge mit zwei Fluggesellschaften je zweimal 23 kg buchten.

Nun verfügen Menschen ja von Natur aus über ihren gesunden Menschenverstand. Ich bin immer wieder erstaunt, dass dasselbe nicht für Firmen gilt, obwohl dort ebenfalls Menschen arbeiten. Ich legte Eva Amys E-Mail vor. Es war zwecklos. Man stelle sich vor, wir buchen für unsere Urlaubsgäste 23 kg Freigepäck für den Hin-, aber nur 15 kg für den Rückflug.

Ich sollte von Palma mit einem Zwischenhalt zu Hause für die Wintersaison nach Heraklion weiterfliegen. Natürlich samt der sinnlosen Uniform, die ein paar kg wog. Ich drohte bereits an, diese in Palma zurückzulassen, weil ich dafür nicht selbst bezahlen würde. Das Problem gelöst hat dann ein Anruf bei der Fluggesellschaft, in diesem Fall Vueling. Dort gibt es die Gepäckkategorie 30 kg gar nicht, sondern mir standen wie gehabt 46 kg zu. Nach Heraklion bin ich dann tatsächlich mit nur 30 kg geflogen, aber aus anderen Gründen (siehe unten).


Play Little Unexpected Tricks

Die Verantwortung für die aufgezeigten Mängel lag bei der Schottin Laureen, offiziell Operation and Development Manager und Evas Chefin. Es hätte in ihrer Hand gelegen, den Laden auf Vordermann zu bringen. Sie schien jedoch mehr an den Royals, Ausgeh- und Shoppingtipps und ihrer 10.000 € teuren Pumps-Kollektion interessiert als an der Optimierung eines komplexen Gesamtsystems. Sie appellierte an uns, unsere Gäste mit „Give Little Unexpected Extras (GLUE)!“ zu verwöhnen. Den Widerspruch zu der Behandlung, die wir erfuhren, sah sie offenbar nicht.

Nachdem ich zum zweiten Mal mein Gehalt unvollständig erhalten hatte, habe ich bei einer anderen Firma, die mir bereits früher ein Angebot gemacht hatte, nachgefragt, ob dieses noch gelte. Tat es. (Vielleicht berichte ich darüber zu gegebener Zeit in einem anderen Blog.) Es war, als wäre ich von einem bösen Fluch erlöst.

Als ich Anfang Oktober zum dritten Mal „most of my salary“ erhielt, gab ich meine Entscheidung, Ende desselben Monats aufzuhören, bekannt. Das musste ich dreimal tun, bis sie es mir geglaubt haben. Kündigen brauchte ich ja nicht, weil mein Vertrag ohnehin auslief. Da ich diesen erfüllt hatte, hätten sie mir meinen Rückflug bezahlt. Allerdings einen Tag später als von mir gewünscht, so dass ich 90 € in einen früheren Flug investiert habe. Ich erhielt sogar einen Flughafentransfer nach Heraklion und eine Kilometerpauschale ab dem Flughafen Stuttgart gemäß Google Maps. Allerdings haben sie davon gleich 72 Cent wieder abgezogen, weil die Landstraße 4 km kürzer gewesen wäre als die Autobahn…

Zahlensalat mit Wörtersoße

Ich bin nicht sicher, ob die Gehaltsabrechnung für Oktober stimmte. Jedenfalls kam Anfang Dezember auch noch eine Gehaltsabrechnung für November, als ich bereits nicht mehr für Thomas Cook gearbeitet hatte. Da wurde so viel hin- und hergerechnet, korrigiert und storniert, dass ich aufgegeben habe, dieses Kuddelmuddel verstehen zu wollen. Zu unterst stand „Saldo zu Gunsten Firma: 188,76 €“ und „Auszahlung: 0,00 €“:

Arbeiten für Thomas Cook?

Wer mal von zu Hause wegkommen, andere Länder kennenlernen und mit seinen Arbeitskollegen viel Spaß haben will, der bekommt bei Thomas Cook die Gelegenheit dazu. Er sollte allerdings wissen, dass er in einem chaotischen Umfeld arbeiten muss und sich auch an sinnlose Vorschriften zu halten hat. Und dass Thomas Cook es seinerseits nicht für nötig hält oder nicht schafft, seine eigenen Verpflichtungen zu erfüllen. Je nach dem, wie stark man welchen Punkt gewichtet, und welche Alternativen man hat, fällt die Antwort so oder so aus. Wer sich dafür entscheidet, sollte Kenntnisse in Lohnbuchhaltung mitbringen und versuchen, den Sommer in Heraklion oder Faro und den Winter in Palma zu verbringen. Ammoudara ist dann ausgestorben, und an der Algarve toben sich atlantische Tiefausläufer mit Regen und Sturm aus.

Die englische Managerin Lucy in Heraklion hatte auf meinem Saisonende-Formular „Suitable for re-employment“ angekreuzt. Das Umgekehrte traf leider nicht zu. Ich hatte zwar ins Auge gefasst, mich bei Thomas Cook für einen künftigen Vertrag als Quality Manager oder Financial Analyst in einer der 80 Destinationen zu bewerben. Aber bei einem Arbeitgeber, der seine eigenen Verträge nicht einhält, wären beide Jobs ein Widerspruch in sich gewesen. Die versagenden Computersysteme, die wechselnden Dienstpläne, die fragwürdigen Kennzahlen und die sinnlosen Uniformen sind im Grunde genommen Thomas Cooks Probleme. Nirgends klappt immer alles. Aber eine Firma, die Überstunden verlangt, jedoch nicht vergütet, und es seit Jahren nicht schafft, ihre Angestellten pünktlich und vollständig zu bezahlen, ist für mich ein absolutes No-Go. Mein persönliches Fazit: Arbeiten im Ausland? Unbedingt! Aber nicht für Thomas Cook.


Nachtrag vom 23. September 2019

Heute morgen erreicht mich eine E-Mail von meinem Ex-Kollegen Joachim, der inzwischen in den USA weilt: Thomas Cook ist pleite! Alle Internet-News-Portale sind voll davon. Nach 178 Jahren ist der Erfinder der Pauschalreisen am Ende. Fast ein Jahr nach meinem Weggang. Ein chinesischer Großinvestor, Banken und die britische Regierung konnten sich nicht zusammenraufen. Nun müssen 600.000 Urlaubsgäste nach Hause gebracht werden. Einige Hotels haben Urlauber festgehalten, weil Thomas Cook ihre Rechnungen nicht bezahlt hatte. Griechenland und die Türkei befürchten große volkswirtschaftliche Schäden durch das Ausbleiben der Touristen.

Von 60 p auf 3,5 p in einem Jahr. Leerverkäufer sollte man sein😉

Natürlich lag der Zusammenbruch nicht an der schlechten Organisation des Connected Service oder an unseren unfähigen Vorgesetzten. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass die anderen Abteilungen des zweitgrößten Reisekonzerns Europas besser gearbeitet haben. Noch in seiner letzten Stunde hielt es Thomas Cook nicht für erforderlich, seine Gäste oder seine Mitarbeiter über das bevorstehende Ende zu informieren. Nachdem es die Firma bereits in ihren guten Zeiten nicht geschafft hatte, Gehälter pünktlich und vollständig zu bezahlen, ist es kein Wunder, dass sie sie zuletzt ganz schuldig blieb. Ebenso wenig, dass die Manager Millionen-Boni abgegriffen haben. Deshalb sei mir vergeben, dass es mir um die Firma nicht Leid tut. Um meine früheren Kollegen, die jetzt vor einer ungewissen Zukunft stehen, hingegen schon. Zum Glück gibt es in der gleichen Branche wenn auch leicht anders gelagerte Alternativen, siehe meine anderen Blog-Beiträge. Und zwar bei einem Arbeitgeber mit vier, nicht mit drei Buchstaben😉

Wildschweine der Weltmeere

„Speed 2“? Nein, die MSC Armonia bei einer harten Landung😉

 

Willkommen bei der Chaos-Truppe!

Wie ihr wisst, ist es mein Traumjob, Radtouren auf einem Kreuzfahrtschiff zu führen. Nun gibt es ja nicht nur TUI, sondern auch noch andere Reedereien. Zum Beispiel die italienische MSC, mit vollem Namen Mediterranean Shipping Company. Sie hat noch mehr und noch prächtigere Schiffe als TUI. Und sie suchte einen Bicycle Leader, siehe https://www.careers.msccruises.com/#/vacancies/onboard-jobs/search?paramS=__3__13__1!

Ich habe mich natürlich sofort beworben. Das ging vollständig online und musste die aufwendigste Bewerbung meines Lebens sein. Und das waren einige😉 Das Bewerbungsportal wirkte hochprofessionell:


Ich durfte alle meine Zeugnisse und Unterlagen hochladen. Am wichtigsten waren natürlich meine Zertifikate. Dann hundert Fragen beantworten. Eine ganze Batterie an Online-Tests: Deutsch, Englisch, Textverständnis, Zahlen kombinieren, logisches Denken, Reaktionsfähigkeit, Multitasking, Werte und Vorstellungen u.a.m. Kaum war das glücklich geschafft, durfte ich per Video in jeweils 90 Sekunden drei Fragen in ebensovielen Sprachen beantworten, die aufgezeichnet wurden. Es folgte noch ein 45 Minuten langes Live-Video-Interview über Skype mit einem MSC-Personalverantwortlichen aus Sorrent namens Mario. Größtenteils auf Englisch mit Sprachtests in Spanisch, Italienisch und Französisch. Was soll ich sagen: Ich bekam eine Zusage!

Ein paar Wochen später hatte Mario für mich einen Einsatzplan erstellt: Aufstieg am 2. Dezember in Palermo auf die MSC Splendida mit Kurs auf die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort sollte ich erst einmal eine Einführung bekommen, bevor es Mitte Januar mit der brandneuen MSC Seaside in die Karibik gehen sollte. Der Verdienst wäre etwas besser als bei TUI, aber ich hätte 250 € an die Uniform zahlen müssen und in einer Doppelkabine logiert. Arbeitsvertrag, Flugticket, Welcome-Aboard-Guide und alles Andere erhielt ich per E-Mail. Darunter auch ein Formular, mit dem ich den Erhalt des Beschwerdeprozederes (eine spezielle E-Mail-Adresse: crewcomplain@mscsorrento.com) bestätigen musste. Hm. Hatten die so viele Beschwerden, dass sie dafür eine eigene Abteilung brauchten?

 

Besser ein Ende mit Schrecken …

Und warum blogge ich von einer beliebten Urlaubsinsel im Mittelmeer aus, statt die Weltmeere unsicher zu machen? Am Tag vor meiner Abreise, als ich gerade beginnen wollte zu packen, erreicht mich die folgende E-Mail:

Ich habe mich natürlich sofort bei der oben genannten Adresse beschwert (und auf einigen Internetportalen negative Bewertungen hinterlassen). Die Antwort war – eine Fehlermeldung: Sie hatten meine Mail-Adresse gesperrt😮 Was nützt eine Beschwerdestelle, die auf Tauchstation geht, wenn man sie einmal braucht? Erst ein Einschreiben an Gianluigi Aponte, den CEO in Genf, erbrachte eine Antwort. Natürlich kümmert der sich nicht selbst um Fußsoldaten wie meinereinen, sondern wies seinen Flottenpersonaldirektor namens Marco Maresca in Sorrent an, mir zu antworten:

I clarify to you that our Company, in completion of your profile and background, gathered more information about your previous background as bike leader and details which are not matching the position you applied for. Therefore, I’m here confirming you the decision previously communicated to do not proceed with your enrollment.

Das sagt auch nicht viel mehr aus als Marios Mail. Ich habe also Einsicht in meine Daten verlangt und dafür sogar ein italienisches Gesetz gefunden, das meinen Anspruch darauf belegt. Marco Maresca zeigte sich davon nicht beeindruckt, sondern weigerte sich und behauptete steif und fest, man hätte nur Daten von mir, die ich selbst eingegeben bzw. hochgeladen hätte. Sonderlich glaubwürdig war das nicht:

  • MSC stellt jedes Jahr tausende neue Crewmitglieder ein und hat dafür das oben bereits geschilderte ausgefeilte Bewerbungsportal entwickelt, das alle Kandidaten auf Herz und Nieren durchleuchtet. Warum sollte dieses zu falschen Entscheidungen führen?
  • Warum sollte eine etablierte Firma, die genau definierte Prozeduren hat, die Qualifikationen eines Bewerbers für eine ziemlich unwichtige Position noch einmal überprüfen, nachdem sie sich entschieden, ihm zugesagt, seinen Einsatz geplant, ihm den unterschriebenen Arbeitsvertrag zugeschickt und das Flugticket gebucht hat?
  • Warum sollte sie bei einer zweiten Auswertung derselben Daten zum genau entgegengesetzten Schluss kommen?
  • Wenn die Firma nichts zu verbergen hat, warum weigert sie sich dann hartnäckig, mir meine Daten zu geben? Erst recht, wenn sie sogar gesetzlich dazu verpflichtet ist?

 

… als ein Schrecken ohne Ende

Ich konnte mir leicht ausrechnen, dass eine Reederei, die dermaßen mauert, etwas zu verbergen hat. Sie hat damit erst recht meine Neugier geweckt. Wäre ich wie geplant aufgestiegen, wäre ich womöglich nie auf die Idee gekommen, Tante Google zu fragen. Von der fehlenden Zeit und der fraglichen Internet-Verbindung an Bord ganz zu schweigen. Was ich erfuhr, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Da taten sich Abgründe auf, tiefer als der Marianengraben😮

  • Auf der MSC Musica fielen im Hafen von Rio de Janeiro aufgrund eines Feuers im Maschinenraum sowohl die Klimaanlagen als auch die Wasserversorgung aus. Was den Kapitän nicht davon abhielt, mit 3.100 Gästen ablegen zu wollen. Erst als 50 beherzte Passagiere zur Selbsthilfe schritten und die Gangway besetzten, wurde die Reise abgesagt und das Schiff repariert.
  • Die MSC Opera trieb nach einem Maschinenschaden einige Tage manövrierunfähig auf hoher See. Gäste berichteten von Stromausfällen, kaltem Essen und Wasser und defekten Klospülungen. Das Schiff musste abgeschleppt und repariert werden. Danach wurde es von der britischen Küstenwache beschlagnahmt, weil es noch immer „dangerously unsafe“ war. MSC sprach von „Gerüchten“…
  • Kaum waren Kreuzfahrtschiffe in Venedig wieder zugelassen, riss die MSC Preziosa als erster einlaufender Kahn eine Passagierbrücke mit.
  • Ebenfalls in Venedig fand ein Security-Mitarbeiter der MSC Magnifica im Metalldetektor eine geladene Pistole. Beim Herumhantieren löste sich ein Schuß. Verletzt wurde niemand, aber ein Gast fiel in Ohnmacht, und es brach Panik aus.
  • Auf der MSC Musica wurde eine 28jährige brasilianische MSC-Angestellte von ihrem polnischen Freund, der an der Bar arbeitete, erdrosselt.
  • Auf der MSC Orchestra erkrankten vier Crew-Mitglieder an Meningitis. Ein Maschinist starb.
  • Ein südafrikanischer Gast auf der MSC Sinfonia erlitt einen Herzanfall, bekam im Bordkrankenhaus lediglich eine Spritze, wurde mit einem Zettel (vermutlich am großen Zeh) auf einer Bahre im Hafen zurückgelassen, lag sechs Wochen im Koma und ist seither arbeitsunfähig. MSC stellte sich auf den Standpunkt, die Ärzte seien selbständig und die Reederei deswegen nicht haftbar. Ein Gericht hat diese Bestimmung inzwischen für unzulässig erklärt.
  • Acht Besatzungsmitglieder der MSC Orchestra versuchten, 35 kg Kokain von Brasilien nach Dover zu schmuggeln. Sie wurden zu zwölf bis 20 Jahren Haft verurteilt.
  • Auf der MSC Magnifica waren es zwei Crew-Mitglieder, die 10 kg Stoff von Brasilien nach La Coruña, Spanien, schmuggeln wollten und dafür zu sieben Jahren verurteilt wurden.
  • Der Skandal um die berühmt-berüchtigte illegale Müllentsorgung schlug weltweit Wellen: Auf der MSC Magnifica und der MSC Poesia (und möglicherweise auch anderen Schiffen) wurden einmal pro Woche bei Nacht und Nebel Abfallsäcke, zerkleinerte Paletten und wer weiß was noch über Bord geworfen. In einem Fall vor der brasilianischen Küste betrug die Buße umgerechnet über 500.000 €. Wer soviel bezahlt, kann schon mal auf die Idee kommen, sich in PR-Mitteilungen zum „Hüter der Meere“ aufzuschwingen…
  • Ein anderes Besatzungsmitglied verging sich auf einem nicht genannten MSC-Schiff an einem zwölfjährigen Mädchen und muss sich ebenfalls vor Gericht verantworten.
  • Zum Abschluss dieser Horror-Liste wenigstens noch etwas zum Schmunzeln: Die MSC Musica „raste“ mit über 8 statt der erlaubten 6 Knoten (15 bzw. 11 km/h) in den Hafen von Kotor, Montenegro, hinein und musste insgesamt 1.700 € Buße bezahlen😂 Entweder hatte der Wasserspiegel ein Gefälle, oder der Kapitän war besonders renitent, denn es war bereits seine fünfte Geschwindigkeitsüberschreitung in der gleichen Saison😮 Ein Wunder, dass der Hafen heil blieb😉

Die Reederei mag nicht an jedem einzelnen Vorfall die direkte Schuld tragen. Aber für mich sind das zu viele Vorkommnisse auf einmal, insbesondere auch im Vergleich zu TUI oder AIDA. Da scheint mir ein systematischer Fehler dahinterzustecken. Irgendwie scheinen auch die meisten Gäste mit MSC nicht zufrieden zu sein. Warum wundert mich das nicht? Selbst auf der brandneuen MSC Seaside beschwerten sie sich über die Organisation an Bord, das Essen, das Entertainment und penetrante üble Gerüche. Und zwar im Atrium😮


Die Sache mit den Daten

Aber zurück zu mir. MSC wollte also meine Daten partout nicht herausrücken. Nachdem ich Marco Maresca empfohlen hatte, mit seiner Rechtsabteilung Rücksprache zu nehmen, kriegte ich sie zwar noch immer nicht. Dafür eine Wiedergutmachung von 912,52 €😊 Nach einem Nachhaker und zwölf Tagen war das Geld tatsächlich da. Dafür muss ein Bikeguide lange strampeln😉

Am 25. Mai 2018 trat die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Kraft. Die gilt natürlich auch für MSC. Wer seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, kann sogar mit Bußgeldern belegt werden. Nicht zuletzt deshalb geschah ein kleines Wunder: Mit nur zwei Tagen Verspätung gegenüber der vom Gesetz vorgegebenen Frist rückte die Datenschutzbeauftragte Theresa Dragan meine Daten tatsächlich heraus. Zumindest teilweise. Es fehlte nämlich nicht nur mein Arbeitsvertrag, sondern auch irgendein Hinweis auf die 180°-Kehrtwende. Alles Andere hätte mich auch gewundert. Immerhin erfuhr ich so meine Testergebnisse:

Das glaubt mir kein Mensch…

In Schulnoten ausgedrückt waren das vier Einsen, zwei Zweien, eine Drei und eine Vier. Macht einen Durchschnitt von 1,875. Und zwar nicht im Vergleich zu normalen Bikeguides, sondern zu Offizieren im untersten Rang. Wenn David das wüsste😉


Happy End

Das ist aber noch nicht alles. Mein Chef auf der MSC Seaside wäre Bostjan gewesen. Er war zuvor für TUI gefahren. Bis er von Bord flog. Warum? Wegen überhöhten Alkoholkonsums😮 Da hatte ich ja noch einmal Glück gehabt, dass dieser Kelch an mir vorüberging😊 Auf David II. hätte ich nun wirklich keine Lust gehabt😉

Vielleicht wollte Bostjan seinerseits in diesem Blog nicht die Hauptrolle spielen. Möglicherweise hat er deshalb MSC vor dem „bösen Blogger“ gewarnt. Diese Chaos-Truppe muss ja Publizität fürchten wie der Seeteufel das Süßwasser😉 Dabei wollte ich endlich einmal über fähige Vorgesetzte, partnerschaftliches Miteinander, professionelle Ausrüstung, hohe Sicherheit und effiziente Abläufe an Bord schreiben😉

Aber da war ich bei MSC an der falschen Adresse. Da arbeiten Trunkenbolde, Drogenschmuggler, Sklavenhalter, Umweltverschmutzer, Raser, Vandalen, Kurpfuscher, Mörder, Kinderschänder und Lügner. Langsam verstehe ich, was Marco Maresca damit gemeint hat, dass ich ungeeignet sei😉

Der Scooter-Skandal

Wenn die wüssten…

Oder: Wie es weiterging

Neun Monate sind seit meinem Erfahrungsbericht vergangen. Seither ist viel Wasser ins Meer geflossen. Auch die Besucherströme auf meinem Blog haben mich überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Abenteuer eines kleinen Bikeguides auf so großes Interesse stoßen könnten. Entsprechend viele Reaktionen habe ich darauf erhalten. Von meinen Freunden, Bekannten und Kollegen positive, aus einigen TUI-nahen Kreisen kritische, um nicht zu sagen negative. Die waren für mich besonders aufschlussreich. Ich musste nämlich meine Illusion, dass David der einzige seiner Art sei, schweren Herzens aufgeben😯 Offenbar denken noch mehr Leute, nur regelmäßige Säufer seien richtige Seemänner, Bikeguides seien schuld an mangelhaftem Material, ein Weltkonzern solle sich von einer griechischen Klitsche erpressen lassen und „Vergiss es!“ sei das ultimative Rezept für den Unternehmenserfolg😉

Wenn mir je Zweifel gekommen sein sollten, ob mein Abstieg richtig war, dann weiß ich es jetzt besser: Ich bin keinen Moment zu früh gegangen. Denn es wurde nicht besser, im Gegenteil:

  • Bikeguides dürfen nicht mehr allein auf Tour gehen. Das verunmöglicht die dringend benötigten Erkundungsfahrten. Das heißt, dass Gäste auch künftig am Aussichtspunkt vor lauter Bäumen stehen können, ihre schweren E-Bikes über Zäune hieven „dürfen“ und in der Gegenrichtung durch Einbahnstraßen fahren müssen. Ich frage mich, ob TUI die Bußgelder freiwillig übernehmen würde, oder ob die Gäste sie einklagen müssten😉 Ganz zu schweigen davon, was passiert, wenn ein argloser Radtouren-Geisterfahrer in einen korrekt entgegenkommenden Wagen knallt…
  • Bereits kurz vor meinem Weggang wurde angeordnet, dass bei Unfällen auf Biketouren an Ort und Stelle unverzüglich der Shore Excursion Manager (Arthur) anzurufen und ein Unfallprotokoll auszufüllen sei, selbst wenn das Problem mit einem Pflästerchen behoben ist. In meinem letzten End-of-cruise-Meeting vom 6. Juni wollte ich anmerken, dass das weder sinnvoll noch praktikabel sei, und eine vernünftigere Lösung vorschlagen. Bevor ich dazu kam, bedeuteten mir meine Bikeguide-Kollegen mit Schienbeintritten zu schweigen, weil sie wussten, dass mein Versuch zum Scheitern verurteilt war, und nicht vorhatten, diese Anweisung zu befolgen. Während man also um jeden kleinen Kratzer bei Gästen einen Aufstand macht …
  • … stellt man sie gleichzeitig auf lebensgefährliche Vehikel. Auch meine noch so eindringlichen Warnungen haben nichts genützt: Die Touren mit den zusammenklappenden Scootern wurden wieder aufgenommen😮Verantwortungslos ist gar kein Ausdruck. Es kam, wie es nicht hätte kommen müssen: Die Roller haben (Überraschung!) wieder versagt, und Guides und Gäste gerieten erneut in Gefahr. Und das alles nur, damit man noch ein paar Touren für 39 € verkaufen kann (siehe auch Kapitel „Umsatz, Umsatz über alles“). So hoch kann kein Manager-Bonus sein, dass er das Schmerzensgeld für einen einzigen verunglückten Scooter-Gast auch nur annähernd abdecken würde😮 Ob der Verantwortliche wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt wurde, ist mir leider nicht bekannt.
  • Schlimm genug, aber das ist noch nicht alles. Obwohl Tim und ich bereits vergeblich versucht hatten, den Rollern das plötzliche Zusammenklappen abzugewöhnen, erhielt mein handwerklich ebenfalls sehr geschickter Kollege Sören erneut den Auftrag, die Dinger betriebssicher zu machen. Es nützte alles nichts, weil diese von Haus aus einen grundlegenden Konstruktionsfehler aufwiesen. Der nachträglich eingebaute Sicherungsbolzen ist quasi ein Schuldeingeständnis des Herstellers. Was David nicht davon abhielt, sich selbst zu übertreffen: Er schob nämlich Sören die Schuld für die mangelhafte Mechanik in die Schuhe😮 Jetzt weiß ich auch, warum mein Kollege kurz nach mir gegangen ist. Keine Ahnung, was ich an seiner Stelle getan hätte. Vielleicht David über Bord geworfen😉 Womöglich dämmerte es nun auch der Zentrale, wer einen der dringend benötigten Bikeguides nach dem anderen verheizt hat. Zumindest fährt David nicht mehr für TUI😃 Wenigstens eine gute Nachricht.
  • Wenn man bedenkt, dass mein Blog teilweise ziemlich kritisch ausgefallen ist, wird klar, wie groß der Handlungsbedarf ist. Fortschrittliche Firmen haben längst erkannt, daß Kritik die beste Quelle für Verbesserungen ist. Beispielsweise hätte TUI den in meinem Bericht genannten Problemen und Schwachstellen zu Leibe rücken können. Aber warum die Ursachen beheben, wenn man die Symptome bekämpfen kann? An Bord hielt man es nämlich für zielführender, rechtliche Schritte gegen mich zu prüfen oder diese zumindest anzudrohen. Im Mittelalter wurden die Überbringer schlechter Nachrichten hingerichtet. Auf hoher See scheint dieser Brauch bis heute nachzuwirken😉 Demgegenüber bin ich der Ansicht, dass es weniger Missstände gäbe, wenn mehr Betroffene in die Pfeife pusten und ihre Erfahrungen veröffentlichen würden. Nicht nur in der Schifffahrt.

Ganz offiziell

Ich glaube, TUI hat nicht verstanden, dass ich das alles nur schreibe, weil mir die Firma wie keine andere am Herzen liegt und ich ihr helfen möchte, mehr und zufriedenere Gäste zu gewinnen und die bestmöglichen Arbeitsbedingungen an Bord zu bieten. Es will mir nicht in den Kopf, warum bei so einem hervorragenden Produkt wie Kreuzfahrten und einem so tollen Job wie Bikeguide so vieles im Argen liegen muss. Und warum die Verantwortlichen sich mit Händen und Füßen gegen Verbesserungen wehren. Auf dem Schiff war ich ja mit meinen Anregungen gegen eine Wand gelaufen. Ich glaube, es war diejenige mit dem Aushang „See it, say it!“😉 Zurück an Land dachte ich, ich versuche es mal bei der Zentrale. Und zwar mit einem netten Brief und nicht weniger als 24 konkreten Vorschlägen. Im einzelnen:

  1. Auswahl der Führungskräfte
  2. Alkohol an Bord
  3. Tourenplanung
  4. Breite der Gangway
  5. Prozesse und Abläufe an Bord
  6. E-Cross-Bikes
  7. Hardtails
  8. Kombipedale
  9. Lenkergriffe
  10. Stecker der E-Bikes
  11. Tenderboote vor Santorin
  12. Abfahrtszeit Antalya
  13. „Liegenpolizei“
  14. Ruß auf den Liegen, Partikelausstoß
  15. Plastikflaschen
  16. Müsliriegel
  17. Werkzeuge
  18. Navis
  19. Arbeitszeiterfassung an Bord
  20. Beschwerdestelle
  21. Auswahl und Beschaffung neuer Fahrzeuge
  22. Fleet Operations Manual
  23. Alkohol auf Touren
  24. Hineinschieben der Räder nach den Touren

Als Nachschlag gab es dann noch eine neue Idee zu der Liegenproblematik (Nr. 13),

  1. Unfallprotokolle und
  2. Klimaanlage

Alle systematisch strukturiert nach

  • Situation
  • Problem
  • Verbesserungsvorschlag
  • Vorteile
  • Aufwand zur Umsetzung

McKinsey & Co. hätten dafür wohl mehr als den Jahreslohn eines Bikeguides verlangt😉

Dichtung und Wahrheit

Es kam tatsächlich eine Antwort: Die Kommunikationsbeauftragte namens Godja Sönnichsen wollte wissen, warum ich nicht im Sinne eines kooperativen Miteinanders das Gespräch mit der Zentrale gesucht hätte, statt meine Erfahrungen publik zu machen? Das hätte ich natürlich tun können. Nur war der Ausdruck „kooperatives Miteinander“ an Bord leider nicht bekannt. Insofern war nicht davon auszugehen, dass es in der Zentrale anders sein könnte. Ohne meinen Blog hätte TUI meine Anregungen wohl kaum ernster genommen. Und was hat sie davon abgehalten, auf mich zuzukommen, wenn mein Bericht ihnen ein Dorn im Auge war? Des weiteren schrieb die Dame, man hätte meinen Blog bereits vor Monaten zur Kenntnis genommen und Verbesserungen in die Wege geleitet. Dem wolle man jetzt noch einmal nachgehen.

Das wollte nun wiederum ich genauer wissen. Und habe in der von TUI definierten Qualitätspolitik nachgeschaut. Darin steht an erster Stelle:

„Maximale Sicherheit ist unser Ziel

Die maximale Sicherheit unserer Gäste und unserer Crew hat für uns jederzeit die höchste Priorität.“

Soweit die Theorie. Die klingt soweit ganz gut. Ist aber leider gelogen😯 Der Tatbeweis für das Gegenteil liegt auf der Hand: Es war nämlich die TUI-Zentrale, die bestimmt hatte, daß die Lunten der „rollenden Zeitbomben“ wieder angezündet wurden. Der Scooter-Skandal belegt auf besonders drastische Weise, dass man keine Skrupel hat, Gäste wider besseres Wissen in Gefahr zu bringen, wenn man ihnen dafür noch ein bisschen mehr Geld abknöpfen kann. Gleichzeitig ist man dreist genug, öffentlich das Gegenteil zu behaupten. Richtigerweise müsste der entsprechende Punkt in der Qualitätspolitik lauten:

„Maximaler Profit ist unser Ziel

Der maximale Profit unserer Aktionäre und unserer Manager hat für uns jederzeit die höchste Priorität.“

Soweit die Praxis. Die klingt natürlich nicht so gut. Ist aber leider wahr😯

Ich glaube, ich werde mir das TUI-Logo doch nicht als Tattoo stechen lassen😉

„Vergiss es!“

Oder: Bikeguide bei TUI – ein Traumjob?

Die schönsten Ecken der Welt sehen, Rad fahren und dabei noch Geld verdienen: Bikeguide ist der coolste Job auf einem Kreuzfahrtschiff. Wir gehen an jedem Hafen an Land und sehen sämtliche Sehenswürdigkeiten. Was ich als Bikeguide auf der „Mein Schiff 5“ erlebt habe, erfahrt Ihr in diesem Blogbeitrag.

Der Autor dieses Blogs in voller Montur, hier in Cádiz

Schwimmende Hotels

Die Kreuzfahrtbranche boomt. 2 Mio. Deutsche gehen jedes Jahr an Bord. TUI hat dieses Jahr das sechste Schiff in Betrieb genommen, AIDA das zwölfte. Jede neue Generation noch größer, noch gewaltiger als die vorhergehende. Die „Mein Schiff 5“ ist 295 m lang und 35 m breit, hat 14 Decks, kann über 2.500 Gäste aufnehmen und hat 1.000 Besatzungsmitglieder. Nun ist es nicht jedermanns Sache, für einen Minilohn sieben Tage pro Woche zehn Stunden pro Tag zu arbeiten, in einer winzigen Kabine zu hausen und monatelang von zu Hause, Freunden und Familie getrennt zu sein. Deshalb ist es für die Reedereien nicht leicht, die dringend benötigten Besatzungsmitglieder zu finden.

Gleichzeitig ist die Fluktuation unter der Besatzung sehr hoch. Abends gibt es wenig Abwechslung: Man vergnügt sich im Coffee-Shop, im Crew-Pub und in der Crew-Bar. Allen gemeinsam ist, dass es dort günstige alkoholische Getränke gibt. Entsprechend hoch ist der Konsum. Auf einem unserer Schwesterschiffe hörte ein Gast eines Nachts ein Geräusch, das klang, als ob jemand über Bord gegangen sei. Es wurde sofort Alarm gegeben. Die gesamte Gästeschaft musste sich an den Treffpunkten einfinden und wurde durchgezählt: Es fehlte niemand. Danach dasselbe mit der Besatzung. Hier fehlte nicht nur einer, sondern gleich zehn! Die fand man in ihren Kabinen. Sie waren so besoffen, dass sie das Alarmsignal überhört hatten. Für alle zehne war die Reise am nächsten Hafen zu Ende. Kurz darauf versackte mein Chef David in der Crew-Bar und erschien am nächsten Morgen nicht zur Tagesbesprechung.

Andere gehen, weil sie Heimweh haben oder es ihnen an Bord zu eng wird. Wieder andere fühlen sich schlecht oder ungerecht behandelt (siehe unten).

Kein Wunder suchen die Reedereien händeringend Mitarbeiter. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ungefähr die Hälfte der Besatzung bestand aus Asiaten, die meisten von den Philippinen, aus Indonesien und aus China. Deren Gehälter sind nach deutschen Maßstäben geradezu lächerlich gering. Aber immer noch besser als in ihren Heimatländern, wenn sie dort überhaupt eine Anstellung finden.

Zahlen lügen nicht

Der „SPIEGEL“ hat die Geschäftszahlen von TUI unter die Lupe genommen: Umsatz 650 Mio. €, Gewinn 126 Mio. €. Das ist eine Umsatzrendite von fast 20%. Davon können andere Branchen nur träumen. Und mit der „Mein Schiff 6“ werden diese Zahlen noch einmal deutlich steigen. Insofern finde ich schon, dass die Firma etwas großzügiger sein könnte. Vielleicht muss sie das auch bald, weil sie ja dringend Besatzungsmitglieder sucht. Ach ja, bei den 126 Mio. € handelt es sich um den Gewinn sowohl vor als auch nach Steuern. Die Offshore-Konstruktion über Malta und Zypern macht’s möglich.

Auch ich habe ein paar Berechnungen angestellt. Angenommen, ein Bikeguide fährt 20 Touren im Monat mit durchschnittlich je zehn Gästen, von denen jeder 60 € bezahlt. Ertrag für TUI: 12.000 €. Kosten für TUI: 1.600 €. Soviel verdient der Bikeguide. Natürlich sind die Fixkosten (Abschreibungen auf Schiff und Bikes) und einige variable Kosten wie Verpflegung des Bikeguides und Ersatzteile nicht berücksichtigt. Rechnen wir mal mit 10.000 € Deckungsbeitrag pro Bikeguide pro Monat. Mal fünf Schiffe mal sechs Bikeguides mal zwölf Monate ergibt das happige 3,6 Mio. € im Jahr😮 Also ein hochprofitables Geschäft, was erklärt, warum Bikeguides verzweifelt gesucht werden. Jens, der mich eingestellt hatte, fragte zweimal per E-Mail, ob wir nicht Freunde oder Bekannte anwerben könnten.

Insofern muss die Behandlung, die unsereins an Bord teilweise erfahren hat, erstaunen. Niemand erwartet, dass Bikeguides verhätschelt werden. Aber etwas mehr Respekt und Anerkennung würden nicht schaden. Die Gänse, die goldene Eier legen, als reine „Manövriermasse“ zu betrachten und dementsprechend zu behandeln zeugt nicht gerade von einer weitsichtigen Personalpolitik. Vor allem, wenn man zu wenige von ihnen hat.

Kuschelige Kojen

Als Bikeguides auf der „Mein Schiff 5“ hatten wir sogenannte Single-Share-Kabinen. Das heißt, Dusche/WC wird mit einem Nachbarn geteilt. Mein Mitbenutzer war ein Chinese, der in der Wäscherei arbeitete. Der pinkelte im Stehen, klappte noch nicht einmal die Klobrille hoch und fand dann den Spülknopf nicht, der Schweinigel😞 Das stank (mir) mächtig. Kommentar meiner Kollegen: „Sei froh, dass er in die Toilette pinkelt!“😮 Erst nachdem ich einen Zettel angebracht hatte, hat es sich gebessert.

Immerhin sind es Einzelkabinen mit einem winzigen Waschbecken. Sie messen gerade mal 1,60 m auf 2,20 m. Das Bett befindet sich über dem Schreibtisch und muss jeden Abend heruntergeklappt werden. Eine Leiter gibt es nicht, dafür einen Kühlschrank und einen Fernseher. Damit die Kabinen nicht versiffen, finden regelmäßige Inspektionen statt. Soviel zum Thema „Privatsphäre“. Bettwäsche und Handtücher kann man wechseln, so oft man will. Berufsbekleidung, in meinem Fall die Bike-Kleider und die Schalteruniform, bringt man in die Wäscherei. Nur die eigene Wäsche muss man selbst waschen.

6 Monate auf 3,5 qm ohne Tageslicht: nichts für Klaustrophobiker

An Bord gibt es keine Wochentage. Einmal habe ich erst gemerkt, dass Sonntag war, weil auf dem erzkatholischen Malta alle „normalen“ Geschäfte geschlossen hatten.

Anspruch und Wirklichkeit

Die meisten Ausflüge können online oder an den Selbstbedienungsterminals an Bord gebucht werden. Biketouren nicht. Erstens muss man abklären, wie fit der Gast ist. Es kommt immer wieder vor, dass sich Gäste überschätzen oder mit Höhenmetern nichts anfangen können und dann beim ersten Anstieg hängenbleiben. Zudem muss sich TUI absichern und verlangt von jedem Teilnehmer eines Bike-Ausflugs eine Einverständniserklärung. Der Gast muss Fragen zu seinem Gesundheitszustand beantworten und versprechen, während der Tour keinen Alkohol zu trinken. Als ich auf meiner ersten Tour auf St. Kitts meine Kollegen traf, standen sie an der Beach Bar und tranken Bier😮 David stellte sich daneben und trank mit. Ich frage mich, welchen Eindruck das auf die Gäste gemacht hat.

In den Teilnahmebedingungen steht ebenfalls, dass sich die Gäste an die Straßenverkehrsordnung zu halten haben. Fast jede Route führte jedoch mindestens einmal in der falschen Richtung durch eine Einbahnstraße. Auf den Scooter-Touren mussten die Fahrzeuge immer wieder über Treppen getragen werden. So ein Gerät wiegt 18 kg, was für eine zierliche Dame eine ziemliche Herausforderung sein kann. Die E-Bike-Tour in Marmaris (Türkei) war wohl seit zehn Jahren niemand mehr gefahren, denn am vermeintlichen Aussichtspunkt standen lauter Bäume. Ähnlich die Aktiv- und die E-Bike-Tour auf den Monte Pellegrino bei Palermo: Die Straße war ebenfalls bereits seit Jahren gesperrt, und wir mussten die bis zu 25 kg schweren E-Bikes zweimal über einen Zaun hieven. Als Gast, der bis zu 70 € für eine Tour bezahlt, würde ich mir da gewisse Fragen stellen. Die Routen werden allesamt von der TUI-Zentrale in Hamburg festgelegt.

Nur sun and fun?

Daß Bikeguides Touren führen und Erklärungen zu den Sehenswürdigkeiten abgeben, ist offensichtlich. Die sind ja der Grund, warum man diesen Job macht. An den schönsten Küstenstädten hinauszugehen, radzufahren und den Gästen die Schönheiten zu zeigen ist für mich das Größte. Das ist aber längst nicht alles: Hinzu kommen Ausflugspräsentationen, Beratung und Verkauf am Schalter, das Zuteilen der Räder auf die Teilnehmer, die Vorbereitung der Tour, das Herunterladen der Tracks auf die Navis, das Deklarieren der Räder für die Hafen- und Zollbehörden, das Lernen der Sehenswürdigkeiten, das Schieben der Räder, die Abgabe von Helmen und Rucksäcken, die Einweisung, die Rücknahme der Ausrüstung, das Desinfizieren der Helme, das Ausfüllen der Protokolle, das Zurückschieben der Räder an Bord, die Nachbesprechung, das Laden der E-Bikes und das Warten und Reparieren der Räder.

Letzteres Kapitel beinhaltet saubermachen, Ketten schmieren, Luft nachpumpen, Bremsbeläge prüfen, Reifen wechseln usw. Der „Klassiker“ sind schleifende Scheibenbremsen. An Seetagen kümmert man sich um die schwereren Fälle. Manche Defekte sind an Bord überhaupt nicht zu beheben. Wir hatten beispielsweise einen Rahmenbruch, einen weiteren Rahmenschaden durch eine zu weit in das Sattelrohr hineingedrückte Sattelstütze, den Totalausfall einer Bremse und zwei Defekte an den fehlkonstruierten elektronischen Nabenschaltungen (siehe unten). Die betreffenden Räder werden als „K.O.“ markiert, was dazu führen kann, daß manche Touren früher ausgebucht sind.

Schiebereien

Das Räderschieben war meine „Lieblingsaufgabe“. Zwar hat der Bike Cage, der sich auf der Portside (Backbord) befindet, eine Shell Door, durch die man die Räder sehr schnell auf die Pier bringen könnte. Gegenüber dasselbe. Das ist aber in meinen zwei Monaten nur ein einziges Mal vorgekommen, und in diesem Fall mußten wir die nicht verwendeten Räder mittschiffs schieben, damit sie nicht im Weg standen. Das war nicht weniger Arbeit. In der Regel werden also die gebuchten Räder mittschiffs geschoben und dort auf die Tourgäste verteilt. Jeder nimmt dann seines mit nach draußen.

Nach der Rückkehr von einer Tour bleiben die Räder zunächst auf der Pier, weil sie von der Security auf Drogen und Sprengstoff untersucht werden müssen, bevor wir sie hineinschieben dürfen. Bei der Konstruktion der Gangway hat niemand daran gedacht, daß wir jeweils zwei Räder gleichzeitig schieben, sonst wäre sie ein paar Zentimeter breiter ausgefallen. Natürlich bringen wir die Räder nicht auf dem kürzesten Weg durch „unsere“ Shell Door in den Bike Cage. Noch nicht einmal auf direktem Weg, sondern wir müssen sie erst einmal auf der „Autobahn“ abstellen, wo sie im Weg sind, und sie dann noch einmal in die Hand nehmen. Wehe, man hinterfragt dieses Prozedere😯

Mitdenken verboten

Als ich David fragte, warum wir die Räder nicht gleich ganz hineinschieben könnten, lautete die Antwort: „Das habe ich dir schon vor einem Monat erklärt.“ Ein paar Tage später schob er diesbezüglich nach, dass ich wirklich überhaupt nichts kapieren würde. Was das umständliche Räderschieben angeht, hatte er sogar recht. Und das trotz – oder wegen – drei verschiedener Begründungen:

Der Grund liegt nach Davids Aussage darin, dass wir zum Raus- und Reinschieben der Räder unsere Crew-ID-Karten beim Security-Mann am Ausgang abgeben müssen. Ich kann kein Problem darin sehen, wenn sie dort zehn Minuten länger liegen und dafür die Fahrräder schneller aufgeräumt sind, aber diesen Gedanken traute ich mich schon gar nicht mehr zu äußern.

Mein Bikeguide-Kollege Tim nannte eine ganz andere Begründung: Damit wir die Gangway für den Ausgang weniger lang blockierten. Auch hier kann ich keinen Nachteil darin erkennen, wenn sich der Einladevorgang über einen größeren Zeitraum erstreckt. Es werden dadurch ja nicht mehr Fahrräder, und zwischendurch können die Gäste immer noch aussteigen, was abends ohnehin kaum noch einer tut.

Von „Shore Excursion Manager“ Arthur, Davids Vorgesetztem, folgte wenig später noch eine dritte Variante: Weil kurz vor dem Auslaufen die meisten Busse von den Ausflügen zurückkämen und deswegen beide Gangways für die zusteigenden Gäste benötigt würden. Dabei könnte man die Räder lange vorher einladen. Von unseren Touren sind wir normalerweise um 14.00 Uhr zurück, und das Schiff legt meistens erst um 19.00 Uhr oder noch später ab.

Aus all dem schloss ich, daß der Kahn eher kentern würde als den Kurs zu ändern. Abgesehen vom Hineinschieben ging es ums Prinzip: Wenn ein Mitarbeiter Fragen stellt, heißt das, dass er mitdenkt und Interesse zeigt. Von einer Führungskraft würde ich eigentlich erwarten, dass sie das honoriert und fördert, zumal in meiner Stellenbeschreibung stand, dass der Bikeguide an der Verbesserung und Weiterentwicklung der Prozesse und Abläufe mitwirken solle. Allmählich frage ich mich, wie David „Shore Activities Manager“ werden konnte, wenn er elementare Anforderungen an seinen Job nicht erfüllt.

Welches Radl hätten’s denn gerne?

TUI bietet neben den E-Scootern (siehe unten) vier verschiedene Fahrradtypen an:

  • Trekkingbikes mit relativ schmalen Reifen, jeweils für Damen und Herren
  • Mountainbikes mit grobstolligen Reifen
  • E-Mountainbikes
  • E-Crossbikes mit tiefem Durchstieg und elektronisch gesteuerter Nabenschaltung mitsamt Rücktrittbremse. Die wiegen ca. 25 kg, man sitzt aufrecht, und die Batterie befindet sich über dem Hinterrad, was einen hohen und weit hinten liegenden Schwerpunkt zur Folge hat, der einer Dame in Haifa zum Verhängnis werden sollte (siehe unten). Die geschätzte Gewichtsverteilung von 20% vorne und 80% hinten trägt selbstredend auch nicht zu einem stabilen Fahrverhalten bei. Ein Halter für die Trinkflasche fehlt, so dass ich schon mal Gästeflaschen an meinem Mountainbike transportiert habe. Weil die Nabe nicht unter Last geschaltet werden kann, muss man Kraft vom Pedal nehmen. Tut man das nicht, beispielsweise weil man sonst an einem Anstieg hängenbleiben würde, rattert die Nabe. Man kann auch automatisch schalten lassen. Dummerweise weiß man nie, wann die Nabe das tun will, so dass man auch keine Kraft wegnehmen kann und sie erst recht rattert. Einmal bremste auf einer Tour der Antrieb eines Rades stark ab. Ich gab der Dame auf die Schnelle meines und quälte mich mit ihrem bis zur Gruppe. Das Problem verschwand zwar später wieder, doch lief das Rad im vierten Gang im Leerlauf und der achte Gang war nun der vierte. Diese Räder sind die dümmste Konstruktion, die man sich vorstellen kann.

Und der Preis für das dümmste Fahrrad aller Zeiten geht an … Trenga.de!

Allen gemeinsam ist, dass es sich um Hardtails handelt. Ausgewählt von 30jährigen in der TUI-Zentrale, die Bandscheibenvorfälle nur vom Hörensagen her kennen und es nicht nötig haben, mit Orthopäden oder Sportmedizinern zu sprechen. Gerade in Südeuropa, wo wir unterwegs waren, sind Schlaglöcher noch häufiger als bei uns. Hinzu kommt, dass unsere Gäste schwerpunktmäßig der Generation 60+ angehören. Ich warte auf den Tag, an dem ein Gast in fortgeschrittenem Alter mit einem E-Crossbike mit voller Wucht in ein Schlagloch knallt und die Reise mit dem Rettungshubschrauber fortsetzen darf. Traurig, dass immer erst etwas passieren muss, bis die Verantwortlichen aufwachen. Ich fahre seit 20 Jahren nur noch vollgefederte Räder und möchte nie wieder etwas Anderes. An die „Holzklasse“ auf dem Viereinhalb-Sterne-Schiff musste ich mich erst wieder gewöhnen. Es gibt heutzutage hervorragende Fullys, die nicht viel mehr kosten als Hardtails. Diese böten zudem die Gelegenheit, sich von der ebenfalls nur halbgefederten Konkurrenz abzuheben. Und ein Rahmenbruch ist aufgrund der wesentlich geringeren dynamischen Belastung des Materials ebenfalls so gut wie ausgeschlossen. Reaktion auf meinen dahingehenden Vorschlag: „Vergiss es.“ TUI kommt noch nicht einmal auf die Idee, gefederte Sattelstützen zu verwenden. „Für die Gäste nur das Beste“ gilt nur, solange es die Reederei nichts kostet.

Die Räder werden regelmäßig ausgetauscht. Die Gäste können die ausrangierten, an denen alle Verschleißteile erneuert werden, für 495 € kaufen. Natürlich habe auch ich immer wieder Anfragen danach bekommen. Und den Gästen stets von den Folterinstrumenten für den Rücken abgeraten. Natürlich nur, wenn David nicht mitgehört hat😉 Nicht auszudenken, wie begeistert die Gäste von vollgefederten Rädern gewesen wären, und wieviele sie davon gekauft hätten😮

Auf den Aktiv-Touren verwenden manche Gäste ihre SPD-Schuhe und benötigen auch dazu passende Klickpedale. Das bedeutet, dass jeweils am Morgen unter großem Streß noch Pedale gewechselt werden und Hände schmutzig gemacht werden müssen. Natürlich könnte man Kombipedale einsetzen, die diese Aktion erübrigen würden. Aber die kosten 2,50 € mehr. Verglichen mit dem Stundensatz eines Bikeguides ist das eine ganze Menge😉

Anschluss gesucht

Jeder in unserer Abteilung hatte eine „Duty“. Meine waren die E-Bikes, d.h. ich musste sicherstellen, dass vor den Touren alle Batterien voll geladen waren. Das wäre eigentlich einfach gewesen, hätte es dabei nicht ein paar Probleme gegeben:

  • Erstens lassen sich die Ladestecker schlecht hineinstecken, und sie rasten nicht ein, so dass man nie sicher sein konnte, ob sie nun laden oder nicht.
  • Zweitens sind die Kabel ziemlich kurz.
  • Drittens erlöschen die Ladekontrolllampen nach ein paar Minuten. Wenn man den Ladezustand auf den Displays überprüfen will, muss man den Ladestecker wieder herausziehen. Wenn alle in Reih und Glied stehen, so wie auf dem Bild, kriegt man ihn anschließend kaum mehr wieder hinein.

Hoffentlich sind alle vollgeladen… Im Hintergrund rechts die weitgehend nutzlose Shell Door.

So kam es schon mal vor, dass wir frühmorgens vor einer Tour den einen oder anderen Akku tauschen mussten. Schuld war natürlich ich. Dabei gäbe es mit Sicherheit bessere technische Lösungen. Keine Ahnung, warum unsere Kollegen von der Zentrale in Hamburg, die bei der Auswahl geeigneter Bikes bekanntlich nicht die glücklichste Hand haben, davon nichts wissen (wollen).

Ausgebootet

Die meisten Häfen haben eine Pier, die man über die Gangway erreicht. Leider war diejenige in Monaco belegt, so dass wir tendern mussten. Das bedeutete, dass wir um 4.30 Uhr aufstehen und die Räder zuerst in den Flur schieben und dann panikartig in die Fahrstühle quetschen mussten, um sie auf Deck 5 in die Tenderboote zu laden. Nun war der Wind zu stark, so dass wir nach Villefranche ausweichen mussten. Und auch dort war bis zum letzten Moment alles zweifelhaft. Eine Tour meiner Kollegen musste abgesagt werden, und alle anderen verschoben sich um über zwei Stunden.

Auf Santorin gab es keine Pier für unser Riesenschiff. Wir durften nicht einmal unsere eigenen Tenderboote verwenden. Da hat die Hafenmafia, offiziell Boatmen Union of Santorini, das Sagen. Deshalb schlug ich vor, sich mit den anderen Reedereien zusammenzutun und der Boatmen Union of Santorini das Angebot zu machen, fremde Tenderboote zu akzeptieren oder andernfalls die Insel aus dem Programm zu nehmen. Reaktion (Überraschung!): „Vergiss es.“

Die Boatmen Union of Santorini, a.k.a. Hafenmafia

Ausbooten bedeutet nicht nur doppelte und dreifache Arbeit beim Räderschieben und -heben, sondern auch frühes Aufstehen und Frühstücken. Bis die Santorin-Tour losging, hatte ich wieder Hunger und besorgte mir am Hafen ein Hotdog. Dummerweise legte just in diesem Moment der lange erwartete Tender mit unseren Fahrradgästen an, so dass ich noch am Essen war, als sie ankamen. Sehr zu Davids Missfallen. Aber was hätte ich tun sollen? Ohne Kalorienzufuhr hätte ich die Tour nicht geschafft.

Handlanger

Jede Reise dauert sieben bis zehn Tage. Dann ist Passagierwechsel. Das bedeutet aber nicht, dass wir frei hätten. So etwas kann sich die Reederei nicht leisten😉Vielmehr werden wir dann für andere Arbeiten eingesetzt, meist für den Check-in. Jede Schicht dauert vier bis fünf Stunden, und man darf die neu ankommenden Gäste fragen, ob sie in den vorangegangenen 48 Stunden hohes Fieber, Erbrechen oder Durchfall hatten. Wenn so viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, können sich Krankheiten sehr schnell ausbreiten. Deshalb legt man überall größten Wert auf Hygiene.

Achtung Ansteckungsgefahr!

Mein Kollege Felix hat die Krankheitsfrage eigenmächtig ausgelassen mit dem Argument, dass es sowieso niemand zugeben würde, wenn er tatsächlich positiv sei. Natürlich muss man auch die Ausweise und falls gewünscht Kreditkarten der Gäste einlesen, die Gäste fotografieren, zahlreiche Erklärungen abgeben und ihnen ihre Bordkarten aushändigen. Das würde ja alles noch gehen, aber wenn Scharen ungeduldiger Gäste Schlange stehen, die Namensetiketten, die man auf den einbehaltenen Reisepässen aufkleben muss, sich nicht von der Folie lösen, und man die Anweisung hat, keine Informationen mehr zu geben, sondern die Gäste schnellstmöglich aufs Schiff zu bringen, damit sie rechtzeitig zur vorgeschriebenen Seenot-Rettungsübung an Bord sind, sieht es ganz anders aus😯

Für Häfen, die außerhalb der EU liegen, z.B. in der Türkei, in Israel oder in Ägypten, brauchen die Gäste Visa. Die Zollbehörden kommen zu uns an Bord. Dafür müssen wir die Reisepässe vorbereiten, d.h. nach Kabinennummern sortieren. Auch das dauert bei 2.500 Gästen ein paar Stunden und kann schon mal mitten in der Nacht stattfinden.

Es erübrigt sich zu sagen, dass ich wir immer mal wieder unseren Kollegen von der Ausflugsabteilung beim „Dispatch“ halfen, das heißt, hunderte Gäste in die richtigen Busse zu verfrachten. „Captain Sharky“ zu spielen war ohnehin freiwillig. Dazu schwitzte man in einem dicken Kostüm mit riesigem Kopf und machte damit den Girls vom Kids Club und ihren Schützlingen eine Freude☺

Wie man sich bettet…

Die mit Abstand dümmste Aufgabe ist die „Liegenpolizei“. Die Deutschen haben die unausrottbare Neigung, überall Liegen zu reservieren, die sie dann nicht benutzen. Das Problem wird vor allem an Seetagen akut, wenn alle an Bord und die Liegen knapp sind. Man darf also ein freundliches Schild mitsamt Uhrzeit auf den verwaisten Liegen hinterlassen. Nach einer halben Stunde darf man sie abräumen. Einige ärgern sich darüber und sind unbelehrbar, andere finden es gut. Einem völlig renitenten Gast erzählte ich, dass wir neu ein elektronisches System einführen würden, bei dem nach einer halben Stunde für jede reservierte, aber nicht benutzte Liege ein rotes Lämpchen aufleuchten würde. Mein Kollege Sören hat sich ganz einfach geweigert und ist nicht zu seiner Schicht erschienen. Recht hatte er.

Bei AIDA werden die Gäste per Lautsprecherdurchsage gebeten, keine leeren Liegen zu blockieren. Beinahe hätte ich das bei uns ebenfalls vorgeschlagen. Aber ich hatte keine Lust auf ein weiteres „Vergiss es.“

Einige Liegen waren stark verschmutzt. Aber nicht etwa von den Möwen, sondern vom Schornstein. Der spuckt immer mal wieder Dreck wie ein Vulkan😠

TUIuiuiui

Es gab einige Dinge, die aus meiner Sicht so gar nicht zu einem 4½-Sterne-Schiff passen wollten: Wenn ein Gast eine Radtour bucht, erhält er eine Trinkflasche im „Mein Schiff“-Design. Die kostet 88 Cent und riecht auch so. Besser gesagt stinkt sie so stark nach Plastik, dass es mir jedesmal peinlich war. Sie muss deswegen mit heißem Wasser gefüllt und über Nacht stehengelassen werden, um den ekelhaften Geruch herauszukriegen. Ich will gar nicht wissen, welche Schadstoffe das billige Material enthält. TUI könnte ruhig ein paar Cent in eine bessere Qualität investieren. Auch deshalb, weil wir Bikeguides andere Trinkflaschen hatten, was den Gästen nicht verborgen blieb. Offenbar wollte TUI bei unsereinem nicht das Risiko einer schleichenden Vergiftung eingehen😉

Lächerlich finde ich auch den Corny-Müsliriegel in der für Allergiker besonders geeigneten Geschmacksrichtung Nuss😉

Die Räder werden mit trockenen Tüchern saubergemacht. Oder eben nicht. Ein Reinigungsmittel gibt es nicht. Ich habe mein Tuch jeweils wenigstens befeuchtet. Die Ketten wurden mit Zahnstochern gereinigt und die Navi-Halterungen größtenteils mit Kabelbindern am Lenker befestigt, wo sie nicht recht halten. Auch dafür gäbe es professionelleres Equipment.

Die Lenkergriffe fast aller Fahrräder waren klebrig. Wir haben alles versucht, um das Problem „in den Griff“ zu bekommen: Seifenwasser, Bremsenreiniger, Oxivir. Es half alles nichts. Immer wieder beschwerten sich Gäste, weil sie es eklig fanden. Wir behalfen uns jeweils mit der Ausrede, dass so die Hände nicht so leicht abrutschen könnten😉 Ursache ist mal wieder eine Kostenersparnis von 1,25 € durch die Wahl minderwertigen Materials. An meinen eigenen Rädern verwende ich Griffe von Biologic und von Hermans, beide absolut klebfrei, die einen bereits seit sieben Jahren. Aber ich fahre ja auch 4½-Sterne-Räder😉

Natürlich ist genau festgelegt, welche Bekleidung einem Bikeguide zusteht. Das nützt nur nichts, wenn die erforderliche Stückzahl an Bord nicht verfügbar ist. Deswegen bekommt ein neuer Bikeguide nicht unbedingt neue Sachen, sondern bereits getragene. Die sind zwar gewaschen, aber das bietet keine Gewähr dafür, dass man in der Hose keine Schamhaare des Vorbesitzers findet😯

In Ashdod, Israel, durften wir nicht mit den Rädern im Hafen fahren, so dass wir einen Lastwagen bestellten, um die Räder hinauszubringen. Wir bekamen aber keinen. Später erfuhr ich, daß der LKW zu spät bestellt worden sei. Deshalb wurden alle Radtouren abgesagt. Der Verantwortliche hätte dafür nicht nur einen Performance Log, sondern ein Warning verdient. Es war? David.

Das gesamte Schiff ist ja klimatisiert. Natürlich wie überall viel zu kalt. Deshalb habe ich die letzten drei Wochen an Bord nur noch gehustet und war sogar zwei Tage lang krankgeschrieben.

Auch die Frischluftzufuhr erfolgt automatisch. Ich frage mich, wo diese wohl angesaugt wird. Einmal stank es nach faulen Eiern (Schwefelwasserstoff), zum Glück nur im Gästebereich😉 Beim Bunkern, fachchinesisch für Tanken, riecht es in den Fluren nach Treibstoff. Aber die Krönung sind zweifellos die Tenderboote der Hafenmafia von Santorin. Da gibt es sogar in den Kabinen dicke Luft. Der Gestank nach Abgasen, und zwar wie in der Seefahrt üblich nach ungefilterten, ist kaum auszuhalten. Ich bin mir fast sicher, dass sämtliche Grenzwerte überschritten sind.

Auf der „Autobahn“, und zwar da, wo die Gäste normalerweise ein- und aussteigen, hängen allerlei Awards für TUI und die „Mein Schiffe“. Nur wofür ist mir nicht klar. Für professionelle Ausrüstung, gute Organisation oder ein gesundes Wohlfühlklima an Bord jedenfalls nicht😉

Neben der Spur

Die Routen sind wie gesagt ganz genau festgelegt, und man fährt nach Navi. Ein Kinderspiel, sollte man denken. Weit gefehlt: Die von TUI eingesetzten Garmin-Navis müssen noch aus dem letzten Jahrhundert stammen. Dass die Halterungen mit Kabelbindern nicht halten, hatte ich bereits erwähnt, und das sollte fatale Folgen haben (siehe unten). Das Display misst gerade mal 2,2 Zoll. Mein Smartphone hat 5,5 Zoll, d.h. die Anzeigefläche ist mehr als sechsmal so groß. An Bord sollte man so ein Garmin nicht einschalten, weil es den Satelliten nicht findet und gerne mal abstürzt. (Und nicht nur dort.) Ist man bereits draußen und stellt fest, dass der Track fehlt, ist es zu spät, siehe unten. Wenn die Sonne im falschen Winkel auf das Display scheint, sieht man ebensowenig wie auf Kopfsteinpflaster oder durch die Bike-Brille. Deswegen kam ich regelmäßig mit roten Augen von meinen Touren zurück.

Schlimm genug, aber es kommt noch dicker: Diese altertümlichen Geräte beherrschen nur die Navigation nach Track, nicht nach Route. Der Unterschied? Im letzteren Fall zeigt das Gerät wie im Auto „Nach 50 m rechts abbiegen“. Bei uns zeigt es nur die aktuelle Position und die Strecke, der man folgen sollte. Das heißt, man muss ständig höllisch aufpassen, ob man noch auf dem Track ist. Gleichzeitig muss man auf den Verkehr (z.B. in Athen) und die Straße (Schlaglöcher, Scherben, …) achten und die Gruppe im Blick behalten. Um es mal positiv zu formulieren: Einem Bikeguide wird es unterwegs nie langweilig😉

Auf Kreta sah ich in der Altstadt von Chania meinen Track plötzlich nicht mehr und machte deshalb an der falschen Stelle Pause. Bei der zweiten Tour wurde mir an derselben Stelle klar warum: Wir wählten meist türkis als Farbe für den Track, und wenn der an der Uferpromenade entlangführt, hat das Meer nahezu dieselbe Farbe.

Die rollenden Zeitbomben

Neben Radtouren bietet unsere Abteilung auch Touren mit Elektro-Scootern an. Die bisherigen, 12 kg schweren Citybugs wurden Ende April durch 18 kg schwere Egrets abgelöst. Das Mehrgewicht geht auf eine stärkere Batterie zurück, die eine größere Reichweite erlaubt. Anstelle der Zug-Druck-Steuerung über die Lenksäule hatten die Egrets rechts einen richtigen Gashebel und links einen Bremsgriff. Die Höchstgeschwindigkeit betrug offiziell 20 km/h, aber meine Kollegen fanden rasch heraus, dass mindestens einer nicht gedrosselt war und 32 km/h lief. Der wurde als Guide-Scooter verwendet.

Aus den Egrets sollten rasch Regrets werden: Mehrere Ständer brachen ab. Auf meiner Tour durch Rhodos klappte kurz nach dem Start einer der Gäste-Scooter zusammen. Passiert ist zum Glück nichts, und ich konnte auf dem Schiff Ersatz besorgen.

Im türkischen Bodrum hatten wir kaum Buchungen, so daß ich den Schlussmann für die von Felix geführte Scooter-Tour machen sollte. Wie immer drehten die Gäste zuerst eine Proberunde. Bei dieser zeigte sich, dass bei Scooter Nr. 1 die Bremse schleifte. Das Problem war auf die Schnelle nicht zu beheben, so dass ich wie so oft den Scooter des Gastes übernahm und er meinen. Ein paar hundert Meter weiter der Unfall: Mein Scooter klappte ohne Vorwarnung in der Mitte zusammen😮 Ich fiel und landete glücklicherweise auf dem Rücken, wo ich zum ersten Mal froh um meinen schweren Bikeguide-Rucksack war, der den Sturz dämpfte. So habe ich mir nur den Ellbogen aufgeschürft. Nicht auszudenken, wenn das dem Gast ohne Rucksack passiert wäre😮 Ich schob den defekten Scooter zum Schiff zurück, während Felix mit der Gruppe die Tour fortsetzte. Ich tippe auf einen Konstruktionsfehler. Ein weiterer Scooter zeigte wenig später einen Defekt in der Lenksäule. Die Egrets werden in China hergestellt und haben keine deutsche Straßenzulassung. Ausgewählt von unseren kompetenten Kollegen von der Zentrale in Hamburg.

Wenn es geklappt hat, will man nie wieder damit fahren😮

Dann passierte ein kleines Wunder: Obwohl es bei der letzten Scooter-Tour keine Verletzten gab, wurden unter tatkräftiger Mithilfe des Safety Office sämtliche weiteren erst einmal abgesagt. Das wird der Firma nicht gefallen. Wir sollten nun die sieben betroffenen Gäste anrufen und ihnen eine falsche Begründung auftischen. Glücklicherweise waren gerade alle beim Abendessen, so dass David Kabinenbriefe schreiben und verteilen musste. Und zwar erst am Abend vor der nächsten Tour, so dass sich einige Gäste wieder mal beschwerten, weil sie keine anderen Touren mehr buchen konnten.

Nachtrag vom 2.9.2017: Auf der Eurobike komme ich zufällig am Stand von Grofa vorbei, die die Egrets nach Deutschland importiert. Der freundliche Mitarbeiter erklärte, dass wir wohl Version 1.0 gehabt hätten. An der Messe stand Version 1.5, die einen zusätzlichen Sicherungsbolzen hatte, der das plötzliche Zusammenklappen verhindern soll. Zudem klappt der Ständer inzwischen dank einer Feder beim Losfahren von selbst nach oben, so dass er nicht mehr abbrechen kann, wenn ein Gast ihn untenläßt. Drittens hätte man auch die Lenksäule geändert, und um eine deutsche Zulassung zu bekommen, wurde das Modell vorne mit einer zweiten Scheibenbremse ausgestattet.

Die böse Schwester

Unser neuestes Schwesterschiff, die MS6, ist im Mai 2017 mit einer Handvoll geladener Promis und VIPs zur Vorjungfernfahrt ausgelaufen.

Außen hui …

Und machte von Anfang an Schlagzeilen, allerdings vorwiegend negative: Einige IT’ler hatten bei einer privaten Kabinenparty mit einer brennenden Zigarette im Mülleimer einen Brand ausgelöst. Feuer auf einem Schiff ist so ziemlich das Gefährlichste, das es gibt. Die handverlesenen Gäste warfen derweil in der Osteria mit Pizzen und Pasta aufeinander, und in der Abtanzbar droschen sie aufeinander ein. Bei der Schiffstaufe Anfang Juni zerbrach beim ersten Versuch die Flasche nicht. Das ist ein schlechtes Omen und bedeutet, dass der Kahn bald sinken wird. Das war aber immer noch nicht alles, denn fast gleichzeitig wurde bekannt, dass auf der Vorjungfernfahrt zwei junge Männer eine Britin vergewaltigt haben sollen. Die beiden stellen den Sachverhalt ganz anders dar, was die Sache nicht besser macht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wer wird Millionär?

Eines Tages informierten mich meine Kollegen Tim, Felix und Sören, dass sie mich für unser Crew-Quiz angemeldet hätten, weil sie mein Allgemeinwissen bräuchten. Es nahmen 16 Vierergruppen teil. Unsere hieß „Die Biker“. In den ersten beiden Runden zu den Themen „Allgemeines“ und „Geografie“ hatten wir als jeweils einzige die volle Punktzahl und bekamen dafür Extrapunkte. Die Technik im „Studio“ kriegte sehr schnell mit, wohin sie den Spotscheinwerfer nach jeder Runde richten musste. In der dritten Runde zum Thema „Musik und Film“ wusste niemand, welche Rolle Marilyn Monroe in „Some Like It Hot“ spielte (Sugar Cane), aber mit einer anderen Gruppe zusammen waren wir mit 9 von 10 Punkten wieder an der Spitze. Für die vierte Runde kamen nur noch die vier besten Gruppen zum Zug. Es galt, fünf berühmten Straßen die betreffenden Städte und Staaten zuzuordnen. Nun blieben nur noch drei Gruppen übrig, die alle fünfe wussten. In der fünften Runde hatten wir nur noch zwei der fünf Fragen richtig, lagen damit aber erneut mit an der Spitze und kamen so in die Endauswahl, die von der Stichfrage entschieden wurde, wieviele der ca. 2.200 griechischen Inseln bewohnt sind. Als Favoriten ließen wir der anderen Gruppe den Vortritt, die 2.000 schätzte. Wir wussten, dass es wesentlich weniger waren, und einigten uns auf 200. Es waren 117. Damit hatten wir gewonnen, und der Jubel kannte keine Grenzen mehr😃 Irgendwie hatten die Veranstalter mitbekommen, dass die meisten richtigen Antworten auf mein Konto gingen. Unsere Preise waren u.a. griechische Delikatessen, Handy-Lautsprecher und Seidentücher, gestiftet von Crew Welfare.

Biken bildet😉

Obwohl wir unsere Sieger-Urkunden im Office aufgehängt hatten, verlor David darüber kein Wort. Vermutlich hat er nie eine Vorlesung in Personalführung belegt. Deshalb konnte er nicht wissen, dass nicht ausgesprochenes Lob wie vorenthaltener Lohn ist😉 Von ihm kam nie eine Aufmunterung, eine Ermutigung oder ein positives Feedback, im Gegenteil: Er freute sich jedesmal diebisch, wenn er wieder etwas bekritteln konnte. Hingegen war er von der Schlägerei auf der MS6 begeistert. Nein, da gibt es natürlich keinen Zusammenhang😉

Allen Leuten recht getan…

Die Gäste erhalten am Ende ihrer Reise Fragebögen, auf denen sie angeben können, wie zufrieden sie waren. Das wird sehr ernstgenommen. In einer Feedback-Runde war u.a. zu lesen, dass die Bikeguides viel zu jung und unvernünftig seien. Ich konnte mir „Das sage ich auch die ganze Zeit!“ an die Adresse meiner Kollegen nicht verkneifen😉 Die Quittung kam postwendend: „Das ist erst, seit du dabei bist!“😃

Ein anderer Gast schlug ähnlich dezidiert wie ich Fullys vor. Vermutlich hat auch er „Vergiss es!“ zur Antwort erhalten.

Mit der von mir geleiteten E-Bike-Tour in Kuşadası waren die Gäste unzufrieden: Die Fahrräder seien zu kompliziert gewesen, die Ansteige zu steil und die Strecke zu kurz. Den Track hatte David abgeändert, aber er schob die Schuld natürlich auf mich.

Auf meiner zweiten Athen-Tour klappte alles, abgesehen davon, dass einer Frau auf den rutschigen Natursteinplatten, vor denen ich sie gewarnt hatte, das Rad wegschlidderte, so dass sie ein Pedal in die Wade und davon einen blauen Fleck bekam. David freute sich gar nicht, dass er es zuerst von den Gästen erfuhr, die sich nach der Tour bei ihm beschwerten. Als ob ich etwas dafürgekonnt hätte.

Ein weiteres junges Paar beschwerte sich über dieselbe Tour. Zuerst bei David am Buchungsschalter und nach ihrer Rückkehr auch noch schriftlich bei der Zentrale: Ich sei zu schnell gefahren, hätte kaum nach hinten geschaut, um zu sehen, ob alle da seien, und sei planlos durch den Botanischen Garten geirrt. Dabei hatte ich extra gefragt, ob es vom Tempo her passte, und noch öfter konnte ich gar nicht zurückschauen, wenn ich vorwärtsfahren wollte. Zudem hatte ich einen Herrn mit einem auffälligen roten Trikot zum Schlussmann bestimmt. Und im Botanischen Garten war ich exakt dem Track gefolgt. Dasselbe Paar machte auch meine Scooter-Tour auf Rhodos mit und hatte erneut etwas zu meckern: Ich sei wiederum zu schnell gefahren, hätte keine Rücksicht auf die Gruppe genommen, hätte zu wenig erklärt, hätte die Gäste nicht vor gefährlichen Stellen gewarnt und hätte das benötigte Werkzeug nicht dabeigehabt. Ich dachte, ich höre nicht recht.

Von allen anderen Gästen erhielt ich stets Applaus und Komplimente, wie gut ich alles gemacht und erklärt hätte. Und zwar auch für die beiden letztgenannten Touren durch Athen und auf Rhodos. Zweimal luden mich Gäste sogar ein. Ich war mächtig stolz. Meine letzte eigene Tour war die ca. 35 km lange Landschaftstour in Salerno mit zwei jungen Pärchen. Die Amalfi-Küste ist malerisch, und es klappte auch alles, aber die Tour an sich war aus meiner Sicht nicht die beste. Das wurde sie erst bei der Rückkehr, als ich mein erstes Trinkgeld erhielt! Zwar „nur“ 5 €, aber ich muss Freudentränen in den Augen gehabt haben😃 Man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist. So gesehen habe ich den perfekten Zeitpunkt erwischt.

Nun ist es üblich, dass Trinkgeld in unsere gemeinsame Kasse wandert, aber auf meinen Wunsch hin wurde mir gestattet, meines zu behalten, zumal ich von dem Pott ja nichts mehr habe. David schlug vor, dass alle auf meinem 5-€-Schein unterschreiben. Er hatte überhaupt nichts kapiert: Seine Unterschrift hätte mein „Heiligtum“ völlig entehrt😉

Umsatz, Umsatz über alles

Der Grund, warum wir die Gäste vor den Touren beraten und ihnen Fragen zur Gesundheit stellen, liegt darin, ungeeignete auszusondern. David ist seit acht Jahren dabei und hätte das eigentlich wissen müssen. Einige Monate zuvor war ein Gast auf einer seiner Radtouren an Herzversagen gestorben. Daraus gelernt hat er nichts, buchte er doch für die E-Bike-Tour in Marmaris einen Gast ein, der kürzlich operiert worden war und dem seither ein Lungenflügel fehlte. David wusste, ss jener die Tour nicht schaffen würde, wollte sie ihm aber trotzdem verkaufen. Dann „vergaß“ er, ihn in seine Gruppe zu nehmen, so dass er mit mir fuhr. Kaum ging es die ersten Höhenmeter hinauf, kam er trotz „hoher“ Motorunterstützung nicht mehr weiter. Der Gast und seine Frau wollten nun alleine zurück zum Strand, aber das war in den Teilnahmebedingungen explizit ausgeschlossen. Kein Bikeguide würde je einen Gast allein mit dem Rad losfahren lassen. Nachdem ich David nicht erreicht hatte, rief ich Tim an, der mir Kollegin Laura schickte, während ich ihr mit den beiden ein Stück entgegenfuhr. Ein Lob habe ich dafür nicht bekommen. Ebensowenig wie David eine Verwarnung („Performance Log“). Hinterher hieß es lediglich kleinlaut, dass man solche Gäste nicht mehr einbuchen dürfe. Das hatte man bereits zuvor nicht gedurft.

Der Anfang vom Ende

Es war die Tour, die alles geändert hat. Weil Felix aus unbekannten Gründen ausfiel, „durfte“ ich seine E-Bike-Gruppe übernehmen. Bei der Proberunde klemmte bei einem Gast die elektronische Gangschaltung, so dass ich sein Rad übernehmen musste. Schon wieder so einen mühsamen Damen-Crosser. Natürlich musste ich die Navi-Halterung umbauen. Die hielt erstens nicht, und zweitens war auf meinem Navi kein Track drauf! Ich konnte es gerade noch David sagen, der die gleiche Tour parallel fuhr und mir sein Navi überließ. Ich verfuhr mich denn auch wieder kurzzeitig, aber ohne dass die Gäste es merkten. Ganz im Gegensatz zu David, der es mir auch sogleich verübelte.

Wir erklommen 350 Höhenmeter. Laut dem einmal mehr von David abgeänderten Track sollten wir auf der anderen Seite hinunter zum Strand von Turunç und für den Rückweg wieder hinauf und noch einmal auf der Seite von Marmaris hinabfahren. Das wollten aber die Gäste nicht, Motorunterstützung hin oder her. Am höchsten Punkt hielten wir an. Mein Schlussmann konnte auf den Kieselsteinchen nicht richtig bremsen und stürzte, als er schon fast stand. Ich eilte natürlich zu ihm, aber er stand sofort wieder auf und versicherte mir, dass nichts passiert sei. Dann lenkten andere Gäste meine Aufmerksamkeit ab und wollten Wasser von mir. Ich gab ihnen alles, was ich hatte, obwohl ich selbst halb am Verdursten war. Wir warteten auf David und seine Gruppe, die ohne anzuhalten nach Turunç hinuntersauste. Der Gestürzte schloss sich Davids Gruppe an und war weg, bevor ich etwas sagen konnte. Die übrigen machten mit mir oben kehrt. Auf dem Rückweg trafen wir zwei Nachzügler von Davids Gruppe, die er längst aus den Augen verloren hatte und die sich uns anschlossen. Wir fuhren zum Strand von Içmeler, der auf dem Rückweg lag. Dort haben mich Gäste wieder eingeladen, und das bestimmt nicht, weil sie unzufrieden gewesen wären.

Wer sauer war, war David. Aber richtig: Er warf mir vor, dass ich den Track auf dem Navi gelöscht hätte und den Gast, der sich offenbar den Unterschenkel und den Unterarm aufgeschlagen hatte, nicht verarztet hätte. Er sei unter Schock gestanden, und ich hätte ihn nicht weiterfahren lassen sollen. Außerdem tadelte David mich, weil ich die Tour abgekürzt hatte. Was hätte ich dann mit dem Verletzten machen sollen? Und mit den übrigen Gästen, die die zusätzliche Abfahrt und den Wiederanstieg gar nicht wollten und womöglich auch nicht geschafft hätten?

Wenn zweien dasselbe passiert…

In Haifa, Israel, mussten wir die Räder im Terminal über eine Rolltreppe nach oben und nach der Tour wieder nach unten befördern. Diese E-Bikes sind ja ziemlich schwer, und die Rolltreppe war nicht dafür gedacht und entsprechend steil. Natürlich waren wir unseren Gästen behilflich, aber eine Frau wollte ihren Damen-E-Crosser mit höhergelegtem Schwerpunkt (siehe oben) unbedingt selbst hinaufbringen, schaffte es nicht, stürzte, brach sich mehrere Rippen, durfte den Rest ihres Urlaubs im Krankenhaus verbringen, war monatelang in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt und hatte noch lange Schmerzen😮

Wer nach Davids Reaktion auf meinen Gestürzten (der am nächsten Tag die nächste Radtour machte, und zwar ohne Verband oder Pflaster) denkt, dass er vor Mitgefühl für die arme Frau am Boden zerstört wäre, hat sich getäuscht: Er freute sich, weil die Dame nicht in unserer Unfallstatistik auftauchte…

Zurück zur Haifa-Tour: Ich fuhr mit David und übernahm die wenigen Erklärungen. Natürlich habe ich auch diesmal etwas falsch gemacht: Bab, dessen prunkvolles Grabmal sich in Haifa befindet, sei gar nicht der Begründer des Bahaismus gewesen, sondern seine Nachfolger. Seltsam nur, dass man denen keine ähnlich prominente Gedenkstätte errichtet hat😉

Setzen, (drei Komma) sechs!

Das Gesetzbuch an Bord heißt „Fleet Operations Manual“. Darin ist alles bis ins kleinste Detail festgelegt. Beispielsweise steht darin, daß man nach 90 Tagen, also zum Ende der Probezeit, ein Zeugnis, pardon „Appraisal“ bekommt. Demzufolge stand auf meinem auch ein Kreuzchen vor „At the end of the probation period (90 days)“. Nur daß ich es bereits nach 35 Tagen bekam. Niemand konnte mir sagen, warum sie sich nicht an ihre eigenen „Gesetze“ halten. Die Benotung erfolgt mit deutschen Schulnoten mit dem Unterschied, dass 4 nicht „ausreichend“ bedeutet, sondern „improvement required“. Mein Durchschnitt lag bei 3,6. Das sagt viel aus. Aber nicht über mich😉 Aus Davids Sicht vollkommen logisch: Ein Bikeguide, auf den man sauer ist, kann nicht gut sein. Er hat quasi mein Appraisal als Instrument, um seinen Ärger auszudrücken, missbraucht. Sein Kommentar: „Der Verletzte ist noch gar nicht mit berücksichtigt, sonst wärst du noch schlechter weggekommen.“ Wenn es ein 30-Tages-Appraisal hätte sein sollen, hätte die Marmaris-Tour gar nicht einfließen dürfen. Dann hätte es entsprechend besser ausfallen müssen. Ich gewann den Eindruck, dass David alles so zurechtbog, dass es ihm in den Kram passte. Zudem drohte er mit „Leistungsanforderungen“. Für die angeblich unterlassene Erste Hilfe folgte kurz darauf ein „Performance Log“, auf deutsch eine Verwarnung.

„Schlau“, wie David war, wies er darauf hin, dass Jens und sein Chef Arthur natürlich seiner Ansicht seien. Vermutlich wollte er vermeiden, dass ich mich dort über ihn beschwere. Aus allem, was ich gemacht habe, drehte David mir einen Strick. Er schaffte es sogar, mir einen Vorwurf zu machen, als ich eine defekte Excel-Formel in einer unserer zahlreichen Tabellen in Ordnung bringen wollte. Die Begründung ist mir leider entfallen. Vielleicht weil sie mein logisches Denkvermögen überfordert😉

Ich bin dann mal weg

Was hättet Ihr an meiner Stelle getan? Ich sah vier Möglichkeiten:

  1. Das Zeugnis und den Performance Log vor Davids Augen zerreißen.
  2. Mit David und/oder Arthur reden und sie um eine fairere Bewertung bitten.
  3. Weitermachen und mir nichts anmerken lassen.
  4. Kündigen.

Im ersten und im zweiten Fall wären die Folgen ungewiss gewesen. Nicht anzunehmen, dass sie meine Noten verbessert hätten. Außerdem widerstrebte es mir, als Bittsteller aufzutreten. Ich wollte auch nicht noch monatelang mit gesenktem Kopf gute Miene zum bösen Spiel machen.

Da blieb nur noch Variante vier: erhobenen Hauptes von Bord zu gehen. Mein Vertrauen in die Firma war inzwischen so weit gesunken, dass ich zuerst die Gutschrift meines Gehalts für Mai abwarten wollte. Ganz so schlimm war es dann doch nicht. Ich habe im Juni sogar noch mein anteiliges Urlaubsgeld erhalten. Den Rückflug musste ich selbst bezahlen. Deshalb checkte ich als nächstes die Flugpreise von den Flughäfen der nachfolgenden Destinationen. Der günstigste war Palma de Mallorca. Sieben Tage, bevor wir dort anlegten, kündigte ich. Auf dem Schiff war man überrascht. Was nun wiederum mich überrascht hat. Ich hatte gedacht, dass nur Mitarbeiter, die man loswerden wollte, ein solches „Appraisal“ bekämen😉

Eine fünfte Lösung, nämlich die Versetzung auf ein anderes Schiff, fiel mir erst hinterher ein, schien mir aber ebenfalls wenig erfolgversprechend. Zumal Jens es erst wenige Tage zuvor für „nicht legitim“ gehalten hatte, wenn ein Bikeguide kündigt, der gegen seinen Willen versetzt wird. Seit wann bestimmt der Manager, aus welchen Gründen ein Mitarbeiter gehen darf? Der Hintergrund war nicht schwer zu erraten: Unsere Kollegen auf unseren Schwesterschiffen hielten genausowenig wie wir vom „Ich Chef, du nix“-Approach, sondern zogen ebenfalls einvernehmliche Lösungen vor. Dann bräuchte Jens auch nicht so verzweifelt Bikeguides anwerben.

Nun wollte David den Grund für meine Kündigung wissen. Ich hätte ihm natürlich sagen können, was ich von ihm hielt, aber Verbalinjurien waren nicht mein Stil. Deshalb griff ich wie so oft zur Ironie. Nicht anzunehmen, dass er diese verstanden hat, als ich ihm erklärte, dass ich zu doof für den Job sei, weil ich die Batterien der E-Bikes nicht laden, vor der Tour essen, die falschen Fragen stellen, die Sehenswürdigkeiten falsch erklären, keine Erste Hilfe leisten und die Tracks vom Navi löschen würde. Seine Antwort lautete: „Das sind wirklich schwere Schnitzer.“ Q.e.d. Von der defekten Excel-Formel ganz zu schweigen. Diese korrigieren zu wollen war vermutlich mein größter Fehler😉

Der Legastheniker und der Literat

Arthur, der mein Zeugnis unterschrieben hatte, stellte die gleiche Frage. Ihm schenkte ich reinen Wein ein: David bringt keinen einzigen korrekten Satz zustande, und seine Lieblingswörter lauten „g…“ und „Sch….“. Dazwischen jede Menge „äääähhhhmmmm“ und „jaaaaaaaaaaaaa“. Schriftlich sah es nicht viel besser aus. Wie will so einer meine Deutschkenntnisse (mit einer 3) bewerten? Er konnte ja nicht wissen, dass ich Redakteur war, ein Buch geschrieben habe, jeden Kommafehler auf drei Meter Entfernung erkenne und mehrere Fachartikel publiziert habe😉

Ähnlich mit meiner Englischnote. Ich war ein Jahr in den USA gewesen, hatte in meinem High-School-Zeugnis nur „A’s“, habe acht Monate in England studiert und ebenfalls alle Prüfungen erfolgreich bestanden. Gemäß David reichte das ebenfalls gerade mal für eine 3. Auch hier hatten mich qualifiziertere Personen bereits zutreffender bewertet.

Es stimmte zwar, dass ich an den ersten paar Tagen regelmäßig zwei Minuten zu spät gekommen war. David hat nie etwas gesagt, sondern Felix, der selbst schon mal mit 10 Minuten Verspätung zu unseren Meetings erschien. Erst da merkte ich, dass mein Wecker zwei Minuten nachging, und war von da an pünktlich wie eine Schweizer Uhr. Ups, stimmt gar nicht: Einmal hatte ich irrtümlich sechs statt 16 Uhr zum Räderschrauben memorisiert, und David rief mich um 16.10 Uhr an. Ein Wunder, dass ich für mein „Time Management“ keine 5 kassiert habe, sondern eine 4😉 Welche Note mag wohl ein Manager bekommen haben, der in zwei Monaten dreimal verschläft?

Auch für meine „knowledge of the firm“ gab es eine 4, also ungenügend. Vermutlich würden sich die Verantwortlichen inzwischen wünschen, dass ich weniger über die Firma wüsste😉

Ich hätte für fast jede Note gute Argumente bringen können, sah darin aber keinen Sinn. Auch so wirkte Arthur anschließend sehr nachdenklich und meinte, er hätte einigen Diskussionsstoff. Es klang nicht so, als ob er mit David sonderlich einig wäre. Andererseits machte ich mir keine Illusionen, ob Arthur sich im Zweifelsfall auf die Seite eines seiner langjährigen Offiziere oder eines aufmüpfigen neuen Bikeguides schlagen würde.

Das Grundproblem liegt darin, dass Bikeguides ihren Job machen, weil er ihnen Spaß macht. Wenn der Manager, in diesem Fall David, nun seine Macht mit disziplinarischen Maßnahmen durchzusetzen versucht, verdirbt er dem Bikeguide die Freude und zieht ihm quasi den Teppich unter den Füßen weg. Da beißt sich der Fisch in den Schwanz. David scheint das nicht begriffen zu haben.

Vor meinem Abstieg bekam ich ein zweites Appraisal. Meine Deutschnote hatte sich auf wundersame Weise von 3 auf 1 verbessert. Alle anderen Noten hatten sie hingegen vergessen zu ändern. Beim „End of cruise“-Meeting konnte ich mir eine weitere ironische Spitze nicht verkneifen: Offenbar hatten die Gäste, die mir Trinkgeld gegeben hatten, nicht mitbekommen, was für ein schlechter Bikeguide ich war😉

Mit meiner Kündigung befand ich mich in bester Gesellschaft. David hatte mir einmal anvertraut, dass es „geknallt“ hätte, wenn meine Vorgängerin Maren länger geblieben wäre. Ich begann zu begreifen warum. Zwei Wochen nach mir hat Sören gekündigt. Den Grund weiß ich nicht, nur dass er sich nichts gefallen lässt. Er blieb bis Ende Juni. Dann sollte Daniel kommen, ein alt-neuer Bikeguide, der zuvor Manager war, das heißt Davids Position innegehabt hatte. Ob das gutgeht, wenn er neu David unterstellt ist? Und auch dann fehlen immer noch zwei Bikeguides, so dass die Gruppengrößen erhöht werden sollen. Das ist schlecht sowohl für die Gäste als auch für die Bikeguides😯

SUPoptimal

Nun bietet ja meine Abteilung nicht nur Rad- und E-Scooter-Touren an, sondern hatte in der Karibik auch Tauch- und Golftouren mit eigenen Guides im Programm, im Mittelmeer jedoch nicht. Dafür kommen wieder SUP-Touren hinzu. SUP steht für Stand-up Paddling, d.h. man steht auf einem aufblasbaren Brett und bewegt sich mit einem Paddel vorwärts. Eine sogenannte „Trendsportart“, die mir überhaupt nichts gibt. Schwimmen ist viel schöner, und man benötigt weder ein Gerät noch Vorbereitungszeit. Nur kann man den Gästen keine „Schwimm-Touren“ verkaufen😉 Eigentlich hätten wir einen neuen SUP-Guide bekommen sollen, so dass die Gäste die SUP-Touren bereits buchen konnten. Der Guide kam nicht, aber die Gäste hatten bereits gebucht. David kam nun nicht etwa auf die Idee, die SUP-Touren zu stornieren, sondern wollte aus uns SUP-Guides machen. Meine Kollegen und ich waren davon wenig begeistert. Keiner von uns ist Rettungsschwimmer, und wir kennen uns mit Wind, Wellen und Strömungen nicht aus. Zudem erwarten die Gäste, die 60 € für eine SUP-Tour bezahlen, einen erfahrenen Guide und nicht einen Anfänger, der sich selbst kaum auf dem Board halten kann. Felix schaute sogar in seinem Arbeitsvertrag nach, ob er dazu verpflichtet ist. David machte unmissverständlich klar, dass wir unterschrieben hätten, auch andere Arbeiten auszuführen, und es sich andernfalls um „Arbeitsverweigerung“ handeln würde. Schon wieder die disziplinarische Peitsche, auf die gerade Bikeguides ausgesprochen allergisch reagieren. In Bodrum schleppten wir die Dinger zum Strand, pumpten sie auf und ließen sie ins Wasser. Tim und Sören kamen damit ganz gut zurecht, die übrigen eher weniger. Ich blieb hustenbedingt am Strand.

Die zukünftigen SUP-Guides😉

Der Held der Frauen

Eines muss man David zugutehalten: Bei ihm passt alles zusammen. Ausdrucksweise, Rauchen, Tätowierungen, Alkoholkonsum, Verhalten und Frauen. In all den Jahren, in denen er schon auf dem Schiff war, hat ihm niemand gesagt, wie man Villefranche, Ajaccio oder den Namen des spanischen Nationalkomponisten Manuel de Falla ausspricht. Die Gäste („Doktoren und Professoren“) werden sich ihren Teil gedacht haben. Wenn man bedenkt, dass er für die Fahrräder zuständig ist, hätte ich eigentlich erwartet, dass er den Unterschied zwischen Reifen und Laufrädern kennt. Das hätte einige Verwirrung vermieden. Am Strand bezeichnete er Sand schon mal als „Fischkacke“. In der Crew-Messe prahlte er damit, wieviele Frauen er bereits im Bett gehabt hätte. In Alexandria saß ich beim Frühstück mit Laura und David zusammen. Die beiden diskutierten, ob es in Ägypten weibliche Genitalverstümmelung gäbe. David fand die Bemerkung lustig: „Wir könnten ja Lauras Genitalien verstümmeln.“😮 Am Strand von Bodrum: Lisa, eine ebenso nette wie hübsche und junge neue Kollegin aus der Ausflugsabteilung, liegt auf einer Sonnenliege. David kommt mit nassen Badeklamotten aus dem Wasser und legt sich auf sie. Einfach so! Als ob es den Kurs „Zero Tolerance“ nie gegeben hätte. Dafür hätte er eine Strafanzeige wegen sexueller Belästigung verdient. Und das waren nur die Vorfälle, die ich selbst mitbekommen habe.

Das einzige, das so gar nicht zu ihm passen will, sind die zweieinhalb Streifen auf seiner Uniform. Der Gedanke, dass ein Vorgesetzter eine gewisse Vorbildfunktion haben sollte, scheint ihm noch nie gekommen zu sein. Die Personalnot bei den Shore Activities Managern muss noch größer sein als bei den Bikeguides.

Bikeguide bei TUI – ein Traumjob?

Absolut! Ich würde es auch sofort wieder machen. Trotz mühsamer Räderschieberei, altertümlicher Navis, fehlender Arbeitstools, wackliger Ladestecker und unkomfortabler Hardtails. Nur der Vorgesetzte sollte ein gewisses persönliches Format haben. Sonst wird der Traumjob ganz schnell zum Alptraum.